Klinikgeflüster #1 – C

Hast du dich immer schonmal gefragt, was eigentlich in einer Psychiatrie so abgeht? Wie die ganzen Verrückten dort Tag für Tag ihre Zeit verbringen, worüber Menschen mit Psychosen, Zwangsstörungen und Magersucht beim Mittagessen reden und wie wohl Weihnachten gefeiert wird?

Ich kann es dir sagen. Zumindest aus meiner eigenen Sicht. Zwischen den Jahren 2012 und 2013 war ich nämlich für ca. 4 Monate Patientin in einer Kinder- und Jugendpsychiatrie in Brandenburg. Nachdem meine ambulante Therapie aufgrund einer Magersucht im Herbst 2012 scheiterte wurde ich an eine Klinik mit psychiatrischer Einrichtung weitergeleitet. Oder besser gesagt, meine Eltern und ich, denn ich war zu diesem Zeitpunkt mit 16 Jahren noch nicht volljährig und ließ mich nur widerwillig einweisen.


Meine Essstörung entwickelte sich bereits im August 2012 und als ich gegen Ende Oktober erstmals in einer ambulanten Psychotherapie saß, wurde schnell klar, dass mir dies nicht helfen würde. ‚Ich kann nicht verantworten, dich hier weiter zu behandeln, Celine.‘ sagte mir meine Therapeutin, bevor sie begann mir meine weiteren Möglichkeiten zu erklären.

Das Abenteuer Psychiatrie begann mit mehreren Aufnahmegesprächen. Meine Eltern bekamen einen Termin, wir fuhren in die Klinik und ich traf mehrere Ärzte, die ich nach meiner Aufnahme in die Klinik nie wieder zu Gesicht bekommen sollte. Man ließ mich einen Fragebogen ausfüllen, wog mich und stellte mir dann noch persönlich einige Fragen: ‚Was und wie viel nimmst du am Tag zu dir? Übergibst du dich? Denkst du manchmal daran, dir selbst etwas anzutun?‘

Ich kam mir vor wie in einer mündlichen Prüfung, antwortete wahrheitsgemäß und wusste nicht, ob ich hoffen sollte, die richtigen oder die falschen Antworten zu geben.

Fazit: Ihre Tochter ist derzeit nicht krank genug, um direkt aufgenommen zu werden. Wir müssen warten, bis ein Bett frei wird. Ihre Tochter sollte nicht in die Schule gehen. Sie sollte sich so wenig wie möglich bewegen und so viel wie möglich trinken. Wir melden uns bei Ihnen.

Ich war enttäuscht und wütend. Offenbar hatte ich unterbewusst doch gehofft, bleiben zu dürfen.

Zwei Wochen lang lag ich im Wohnzimmer meiner Eltern auf dem Sofa, ehe der Anruf aus der Klinik kam. In dieser Zeit kamen viele Verwandte zu Besuch. Meine Großmutter stand vor dem Sofa, schaute mich wütend an und erklärte mir, dass sie sich ‚früher‘ über jedes Zuckerbrot gefreut hatte und es unmöglich wäre, dass ich nicht esse. Als endlich der erlösende Anruf der Klinik kam, fuhren wir erneut hin und ließen uns die Station zeigen, auf der ich bald einquartiert werden sollte. Beim Hereinkommen kam man durch eine Schleuse, an der eine Schwester saß, die uns begrüßte. Die Station bestand aus einem einzigen langen Gang, von dem rechts und links viele Türen abgingen. Zwei dieser Türen führten zu Gruppenräumen, eine in die Küche, zwei in die Bäder der Jungen und Mädchen, eine weitere in einen Untersuchungsraum. Nur eine einzige Tür hatte ein Fenster, hinter dem ein weißer Raum zu erkennen war, in dem sich eine einzelne Krankenhausliege befand. Es handelte sich dabei um eine Art Auszeit-Raum, könnte man sagen. Meine Eltern mussten unterschreiben, dass ich, wenn nötig, von den Betreuern in diesen Raum eingeschlossen und an der Liege darin fixiert werden dürfte.

Im Gang und in den Aufenthaltsräumen wimmelte es von Jugendlichen. Ich erkannte sofort, welche Personen hier zu den ‚Esspatienten‘ gehörten. Vier dünne Mädchen standen beieinander und musterten mich. Am Ende des Besuchs wurde uns noch gesagt, was ich in der nächsten Woche zum Einzug mitbringen sollte. Die Liste erinnerte mich eher an einen Ferienlagerbesuch, als an einen Krankenhaus-Aufenthalt.

Zu diesem Zeitpunkt fühlte ich mich extrem leer und unsicher. Was sollte ich nur hier? Wieso kann ich nicht einfach Zuhause bleiben und wieder zu essen beginnen? Ich wurde sehr traurig. Es war November und damit mitten im Schuljahr meiner 10. Klasse. Ich würde all meine Freunde zurücklassen und mich mit diesen verrückten Menschen hier in der Klinik auseinander setzen müssen.

‚Wie lange muss ich dort bleiben?‘, fragte ich meine ambulante Therapeutin bei unserem letzten Treffen. ‚In etwa drei bis vier Wochen.‚ antwortete sie mir.

Diese Zeitspanne schien mir unendlich lange und ich nahm mir vor die Tage zu zählen, sobald ich in die Klinik einziehen würde. Ich hatte keine Ahnung, dass aus Wochen Monate werden würden.


Wenn du dich gerade in einer Phase deines Lebens befindest, in der du mit einer oder mehreren psychischen Erkrankungen zu kämpfen hast, such dir bitte Hilfe, egal ob bei Freunden, Familie oder bei professionellen Einrichtungen. Niemand sollte diesen Kampf allein austragen müssen. Gemeinsam sind wir stärker.

Deine Celine

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