Klinikgeflüster #2 – C

Triggerwarnung: Essstörung, Gewicht, selbstverletzendes Verhalten, Körperwahrnehmung(sstörung)


Tja. Da stand ich nun in der psychiatrischen Station der Klinik, eine Liste mit Dingen in der Hand, die ich mitbringen muss, wenn ich einziehe und mit einem ganz flauen Gefühl im Magen. Letzteres lag tatsächlich einmal nicht daran, dass ich den ganzen Tag noch nichts gegessen hatte.

Mein Zimmer konnte mir noch nicht gezeigt werden, da nicht ganz klar war, wie die künftigen Konstellationen der Esspatienten untereinander aussehen würden. Ich lernte auch noch keine Mitpatienten auf der Station kennen. Meine Eltern und ich drehten der Klinik einfach erstmal wieder den Rücken zu. Ich wusste es zwar nicht, war aber das letzte Mal (bis Weihnachten) auf dem Heimweg in mein Elternhaus.

Ich überstand noch ein paar Tage Zuhause, traf all meine Freunde ein letztes Mal vor dem Aufenthalt in der Klinik bei der Geburtstagsfeier meiner besten Freundin und verabschiedete mich Ende November (vielleicht etwas dramatisch) mit den Worten ‚Frohe Weihnachten‚, weil ich nicht so genau wusste, wie ich überhaupt Kontakt zur Außenwelt halten könnte. Meine Eltern sprachen mit der Schule. Ich weiß bis heute nicht genau, welche Abmachung dort getroffen wurde.

Meine Mutter war in diesen Tagen vollkommen aufgelöst. Sie kaufte mir neue Bettwäsche und Pyjamas, Hausschuhe, Handtücher, Kosmetiktaschen und ein leeres Heft, das zu meinem Tagebuch werden sollte. Von überall bekam ich Bücher zum Lesen geliehen, die ich zu all dem anderen Kram in meine Tasche stopfte. Für mich verging die Zeit ein bisschen wie in Trance. Ich lag meist einfach auf dem Sofa, trank Tee und schaute irgendwas im free TV. Ich versuchte mich von der Küche fern zu halten, weil ich mir ganz sicher war, dass mich der Geruch von frisch gekochtem Essen zunehmen ließ. Jeden Morgen stellte ich mich zur gleichen Zeit in Unterwäsche und Kuschelsocken auf die Waage (zu Beginn noch ohne Kuschelsocken, aber irgendwann fror ich so stark, dass ich das zusätzliche Gewicht der Socken in Kauf nehmen musste). Abends nahm ich im besten Fall eine klare Brühe und eine Möhre zu mir. Ich sah mir selbst beim Weniger-Werden zu und fand das vollkommen ok. Mein Hauptgrund, in die Klinik zu gehen, war immernoch meine traurige Mama und ganz bestimmt nicht mein ‚Problem‚.

Dann kam der Tag, an dem wir uns ins Auto setzten und in die Klinik fuhren. Mein Vater kam nicht mit, dafür wurden meine Mama und ich von meiner Tante begleitet. Sie trugen mir die Taschen, da ich mich körperlich nicht belasten sollte. Die Station war schon weihnachtlich geschmückt. Überall hingen Schneeflocken aus Papier und einige Patienten schmücken einen Tannenbaum im Flur. Ein Pfleger stellte sich mir vor und sagte, er sei mein persönlicher Ansprechpartner. So einen hatte hier jeder Patient. Er brachte uns in mein Zimmer. Der Raum, in den ich kam, war ca. 20 qm groß und beinhaltete drei Betten, drei Nachtschränke und drei Kleiderschränke. An den Wänden über zwei Betten hingen Poster und Fotos. Die Betten waren aus hellem Holz, ganz anders als ich mir das im Krankenhaus vorgestellt hatte. Die Bettwäsche brachten die Patienten selbst mit und deshalb war sie auch überhaupt nicht weiß und klinisch, sondern sehr farbenfroh. Auf den Fensterbrettern standen unangetastete Schokoladenadventskalender (schließlich war der 1. Dezember noch nicht gekommen). Die Bewohnerinnen des Zimmers waren gerade nicht da und ich erinnere mich noch daran, wie ich zu meiner Familie sagte: ‚Die Mädchen hier können nicht magersüchtig sein. Die haben Schokolade.‘

Ich bezog mein Bett und räumte meinen Schrank ein. Der Pfleger forderte mich auf, mein Handy, meinen Rasierer und mein Geld abzugeben. Außerdem alles, was ich an Medikamenten und Lebensmitteln dabei hatte sowie Scheren, Anspitzer und andere scharfe und/oder spitze Dinge, mit denen man sich potenziell selbst verletzen oder umbringen könnte. Im Kleiderschrank gab es außerdem keine Stange, an der man hätte Kleiderbügel oder sich selbst aufhängen können.

Handy, Geld und Rasierer wurden an der Eingangsschleuse abgegeben, die in und aus der Station führte. Wann immer ich etwas davon brauchte, müsste ich es dort erfragen, erklärte der Pfleger. Als das alles geschafft war, musste ich mich von meiner weinenden Mutter und von meiner Tante verabschieden, bestellte meinem Vater liebe Grüße nach Hause und wurde in einen Aufenthaltsraum gebracht.

Es war 16 Uhr und damit Zeit für Kaffee. Oder besser gesagt Tee und Yogurt. Da ich noch keinen Essensplan hatte, wurde mir ein kleiner Milchreis-Yogurt vorgesetzt. Da saß ich nun, an einem Tisch mit vier anderen Mädchen, die mich kritisch musterten. Alle löffelten brav ihren Milchreis und tranken ihren Tee. Für mich sahen alle Mädchen viel dünner aus als ich es je sein könnte. Ich fragte mich, was ich hier eigentlich machte. Schließlich war ich doch überhaupt nicht so essgestört, wie diese Mädchen. Ich war doch überhaupt nicht so krank und schon gar nicht so dünn.

Oder?


Wenn du dich gerade in einer Phase deines Lebens befindest, in der du mit einer oder mehreren psychischen Erkrankungen zu kämpfen hast, such dir bitte Hilfe, egal ob bei Freunden, Familie oder bei professionellen Einrichtungen. Niemand sollte diesen Kampf allein austragen müssen. Gemeinsam sind wir stärker.

Deine Celine

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