Klinikgeflüster #3 – C

Triggerwarnung: Essstörung, Magersucht, Gewicht, Zahlen, BMI, Körperwahrnung(sstörung)


Ich bin so aufgeregt wegen morgen. Ich meine, ich ziehe da schließlich hin! (…) Wie wird ein Tag da wohl ablaufen? Wie wird mein eigener ganz persönlicher Tagesablauf für die erste Woche wohl sein? Was ist überhaupt typisch für so ein Klinik-Leben? (…) Was gibts da zum Frühstück? Zum Mittag? Zum Abendessen? Muss ich da wirklich ein Brötchen mit Käse frühstücken? Vielleicht sogar mit BUTTER?? (…)“

– mein Tagebuch, einen Tag vor dem Einzug in die Klinik


Tatsächlich habe ich fast während meines gesamten Aufenthaltes in der Klinik Tagebuch geschrieben. Das hilft mir heute, meine Gedanken und Gefühle von damals Revue passieren zu lassen und zu reflektieren, wie krank ich damals wirklich war. Die Fragen, die ich mir da oben gestellt habe, scheinen für mich heute auf den ersten Blick normal. Ich war schließlich erst 16 Jahre alt und hatte keine Ahnung, was in einer Psychiatrie so passiert. Wenn ich allerdings ein zweites Mal auf diesen Ausschnitt aus meinem Tagebuch schaue, fällt mir auf: Du hast dich überhaupt nicht gefragt, was du wohl für Therapien haben wirst, wie die Leute in der Klinik so drauf sein werden, ob du Freunde findest, ob dich deine Freundinnen Zuhause vermissen werden etc. All meine Gedanken haben sich ums Essen gedreht. Wann gegessen wird und was und wie viel davon und wie viele Kalorien das dann wohl haben wird. Für Freunde, Familie, Hobbies oder süße Jungs war einfach kein Platz in meinem Kopf. Da war kein 16-jähriges Mädchen mehr übrig.

Entsprechend waren die ersten Dinge, die ich in der Klinik in Erfahrung gebracht habe folgende:

Es gibt jeden Tag sieben Mahlzeiten. Diese Feststellung hat mich absolut verwirrt. Ich dachte direkt: Ein Mensch braucht doch niemals sieben Mahlzeiten am Tag. Das ist doch viel zu viel. Wo soll man das denn alles hinessen. Wenn ich das so mache, nehme ich doch locker fünf Kilo pro Woche zu. Außerdem gibt es überraschend viele Regeln rund um die Mahlzeiten. Erst einmal, darf man als Patient mit einer Essstörung (künfitg „Esspatient“, ich gendere das jetzt mal nicht noch zusätzlich) seine Portionsgröße nicht selbst bestimmen. Diese werden von einem Essensplan festgelegt und wöchentlich geändert. Alles wird genau abgewogen, sodass die Kalorienzuvor möglichst präzise bestimmt werden kann. Selbst die Getränke, die man zu den einzelnen Mahlzeiten bekommt sind geregelt und man darf nicht über diese Festlegungen hinaus Flüssigkeiten zu sich nehmen. Wenn man das Gefühl hat, man ist häufig durstig, muss das mit den Therapeuten (die man einmal in der Woche sieht) besprochen werden, bevor etwas geändert werden darf. Frühstück und Abendessen ist „Brotzeit“ und das Mittagessen wird aus einem Plan ausgewählt. Dabei dürfen die Patienten jeden Tag aus drei Mahlzeiten wählen (wie im normalen Krankenhaus), es ist allerdings festgelegt, dass mindestens zweimal in der Woche Fleisch gegessen werden muss und zweimal die Woche Fisch oder ein vegetarisches Gericht, dass einen großen Anteil an Milchprodukten enthält (zum Beispiel Milchreis und Kartoffeln mit Quark). Da ich als Veganerin die Klinik betreten habe, war diese Regelung eine Qual für mich und hat mir das Essen nur zusätzlich erschwert. Ich verstehe bis heute nicht ganz, warum Ernährungsberater/-therapeuten mit Esspatienten keine individuelleren Lösungen finden können, aber vielleicht hat ja jemand von euch Ahnung zu dieser Thematik und möchte mir dazu mal schreiben!
Zu diesen Regelungen kommt hinzu, dass Esspatienten immer ihr Gericht in voller Menge aufessen müssen und erst alle Patienten vom Tisch aufstehen dürfen, wenn jeder fertig mit Essen ist.
Nun folgen noch einige Regelungen, die für viele absurd erscheinen werden:
Es dürfen keine Teile der Mahlzeit unter dem Teller oder in den Ärmeln der Kleidung versteckt oder auf den Boden fallen gelassen werden. Der Deckel von einem Yogurt-Becher darf nicht in den leeren Becher gelegt werden, da überprüfbar sein muss, dass man den Becher leer gegessen hat. Wenn lange Haare häufig ins Essen hängen gelassen werden (um Teile der Mahlzeit darin zu verfangen und diese dann nicht essen zu müssen), müssen diese Patienten die Haare künfitg beim Essen im Zopf/Dutt tragen. Nach einer Mahlzeit dürfen Esspatienten eine halbe Stunde lang nicht das Badezimmer besuchen.
Klingt crazy?
– Ist es auch.
In diesen Regeln zeigt sich nur ein kleiner Bruchteil an Tricks, die man als Mensch mit einer Essstörung für sich entdecken kann, um das Essen möglichst zu vermeiden. Auch ich hatte mir in der Zeit vor der Klinik tausende Ausreden und Verhaltensweisen ausgedacht, um meiner Umwelt möglichst zu verheimlichen, dass ich ein Problem habe und um zu verstecken, wie wenig ich zu mir nehme. Als ich dann aber diese Essensregeln erklärt bekam, wurde schnell klar, welche Botschaft die Therapeuten und Betreuer uns Esspatienten senden wollten: Wir kennen eure Maschen. Wir haben euch durchschaut. Investiert eure Energie gar nicht erst in dieses Versteckspiel, sondern lieber ins Gesund-Werden. Das hat mich ehrlich gesagt sogar ziemlich beeindruckt.
Nach allen Mahlzeiten gab es für die Esspatienten sogenannte Liegezeiten. Diese Zeiten haben je nach Aufenthaltsdauer und Gewichtszunahme der Patienten variiert. Je länger man schon da ist, desto weniger muss man sich schonen, so ungefähr.

Ein typischer Tag meiner ersten Klinikwoche sah also ungefähr so aus:

  1. 07:30 Uhr – Frühstück (Brötchen mit je 20g Marmelade und Butter und Tee)
    (60 min. Liegezeit)
  2. 10:30 Uhr – zweites Frühstück (Yogurt, Obst und Saft)
    (30 min. Liegezeit)
  3. 11:30 Uhr – Mittagessen (bei mir zu Beginn 250g von irgendwas, z.B. Spaghetti Bolognese und Tee)
    (60 min. Liegezeit)
  4. 14:00 Uhr – Snack und Tee (in der Regel mussten wir eine Banane essen, unsere Dietassistentin war begeisterter Bananen-Fan)
    (keine Liegezeit, yey)
  5. 16:00 Uhr – Café (Yogurt oder am Wochenende ein Stück Kuchen mit Saft + min. einmal in der Woche bedienen an der sogenannten „Naschbar“, also nochmal einen Schokoriegel o.Ä. natürlich immer alles schön abgewogen)
    (30 min. Liegezeit)
  6. 18:00 Uhr – Abendessen (bei mir zu Beginn eine Scheibe Brot mit 20g Butter und 20g Belag und Tee)
    (60 min. Liegezeit)
  7. 20:00 Uhr – Snack und Tee oder Saft (meistens Obst)
    (keine Liegezeit)

In der Anfangszeit als Esspatient in der Klinik ist man außerdem von allen körperlichen Aktivitäten ausgeschlossen. Man darf nicht mit auf Spaziergänge, auf Ausflüge, in Sporttherapien, man darf weder Kickern noch Tischtennis spielen, man darf nicht einmal etwas „Schweres“, wie z.B. einen Stuhl, anheben. Entsprechend kann man in Verbindung mit dem Essensplan ganz gut erkennen, dass ich gerade in meinen ersten Wochen nicht viel gemacht habe, außer zu Essen und zu Liegen und ich kann euch sagen, ich fand das wirklich schrecklich. Schließlich hatte ich in der Zeit vorher, Zuhause, jeden Tag mindestens zwei Stunden Ausdauersport gemacht. Aber rückblickend betrachtet, war es genau das Richtige für mich. Ich hatte keine Ahnung mehr, was ein Mensch am Tag braucht, um gesund zu sein und genügend Energie zu haben. Ich hatte keine Ahnung, was ein Mensch zum Überleben braucht. In meiner Wahrnehmung habe ich ja gar nicht so falsch gegessen und ich habe vorallem gelebt. Alle Zahlen zu meinem Gewicht, die bei einem psychisch gesunden Menschen die Alarmglocken läuten lassen, haben in mir nur Gleichgültigkeit, im besten Falle einen Hauch von Euphorie ausgelöst. Was ich zu diesem Zeitpunkt brauchte, waren vor allem Nährstoffe was das Zeug hält und Ruhe. Und genau das habe ich bekommen, auch wenn ich besonders in der ersten Zeit innerlich sehr viel deswegen geflucht habe. Natürlich hat mein 16-jähriges-Ich häufig nicht eingesehen, was das ganze Drama eigentlich soll und da ich in der Klinik ein Meister des schwarzen Humors geworden bin, habe ich mich regeläßig über alle Regeln lustig gemacht, die die Station für uns aufstellte. Schließlich wollte ich ja überhaupt nicht da sein, wo ich war.

Ich möchte euch in den nächsten Beitragen wieder versuchen meine Gedankengänge so authentisch wie möglich zu offenbaren und dazu gehören zum Beispiel auch die schrecklichen Witze, die wir den lieben langen Tag gemacht haben, aber trotzdem möchte ich euch mal eben den Ernst der Lage verdeutlichen:

Mein Gewicht lag am zweiten Kliniktag bei 42,4 kg. Das macht bei einer Körpergröße von 167 cm einen BMI von etwa 15. Wäre ich nicht in die Klinik gegangen, wäre ich zu Hause womöglich verhungert. Ich litt an einer psychischen Krankheit, an der jeder zehnte Betroffene stirbt.

Und da saß ich nun, einen Tag vor meinem Einzug in die Klinik und fragte mein Tagebuch, ob ich wohl Butter auf meinem Frühstücksbrötchen essen müsse.


Ich hoffe, ich konnte euch mal wieder einen kleinen Einblick in meine Zeit in der Kinder- und Jugendpsychiatrie geben. Heute habe ich mich ganz bewusst auf das Thema Essstörung konzentriert, demnächst wird es aber auch wieder Klinikgeflüster mit anderen Schwerpunkten geben!

Eure Celine

2 Kommentare

  1. Liebe Celine,
    du hast einen äußerst angenehmen Schreibstil und es ist wirklich sehr mutig von dir, so offen über dieses doch recht schwer verdauliche Thema zu reden.
    In deinem Post hast du gefragt, warum keine individuelleren Essenskonzepte in der Therapie angewandt werden, beziehungsweise warum es so schlecht um die vegetarische und vegane Ernährung bei der Therapie von Essstörungen im stationären Setting steht. Um zu verstehen, wie in Kliniken solche Behandlungsentscheidungen getroffen werden, sollte man wissen, dass es für fast alle medizinischen Krankheitsbilder sogenannte „Leitlinien“ gibt. Diese Leitlinien sind, je nach ihrer Evidenz, in verschiedene Kategorien eingeteilt, wobei eine S3-Leitlinie die höchste Evidenz hat. Auch für die Behandlung einer Essstörung im Kindes- und Jugendalter gibt es eine S3-Leitlinie, für deren Inhalt die „Deutsche Gesellschaft für Essstörungen“ (DGESS) unter Mitarbeit vieler anderer Gesellschaften zuständig ist. Wenn nun also ein Krankenhaus „Evidenzbasierte Medizin“ macht, dann bedeutet das vor allem, dass nach diesen Leitlinien behandelt wird. Ein Arzt könnte in seinen Behandlungsentscheidungen zwar auch nicht der Leitlinie folgen, solange er dies medizinisch sinnvoll begründen kann, das ist aber äußert selten.
    Werfen wir also einmal einen Blick in den Abschnitt über vegetarische/vegane Ernährung in den Leitlinien zur Therapie einer Anorexia Nervosa:
    „Evidenzbasierte, spezielle Ernährungsempfehlungen für Patientinnen mit AN existieren derzeit nicht (Marzola et al., 2013). Daher scheint es bis auf weiteres sinnvoll, Ernährungsempfehlungen für die allgemeine Bevölkerung als Maßstab auch für Patientinnen mit Essstörungen heranzuziehen. Die Deutsche Gesellschaft für Ernährung beurteilt eine ovolacto-vegetarische Ernährung sowohl für Erwachsene als auch für Jugendliche auch als Dauerkost für geeignet, betont aber dabei die Notwendigkeit einer sorgfältigen Lebensmittelauswahl, um vor allem für Heranwachsende einen Nährstoffmangel zu vermeiden. Bei der Entscheidung für vegetarische Ernährung einer Patientin empfiehlt es sich, im Rahmen der Psychotherapie die Beweggründe für diese Entscheidung zu explorieren. Ernähren sich Kinder und Jugendliche rein pflanzlich, in dem sie komplett auf tierische Lebensmittel verzichten, werden sie als Veganer bezeichnet. Eine vegane Ernährung hält die DGE im gesamten Kindesalter für ungeeignet (http://www.dge.de/presse/pm/kinder-vegetarischernaehren-ja-oder-nein/). Wer sich als Erwachsener dennoch vegan ernähren möchte, sollte laut der DGE dauerhaft ein Vitamin-B12-Präparat einnehmen, auf eine ausreichende Zufuhr vor allem der kritischen Nährstoffe achten und gegebenenfalls angereicherte Lebensmittel und Nährstoffpräparate verwenden. Dazu sollte eine Beratung von einer qualifizierten Ernährungsfachkraft erfolgen und die Versorgung mit kritischen Nährstoffen regelmäßig ärztlich überprüft werden. Ein weiterer Aspekt, der eine vegane Ernährung für Patientinnen mit Essstörungen problematisch erscheinen lässt ist die Beobachtung, dass Veganer sich stets und umfassend mit dem Thema Ernährung auseinandersetzen müssen, was für die Genesung von einer Essstörung hinderlich sein könnte.“
    Nach den neuesten Leitlinien ist es also prinzipiell möglich, eine Anorexia Nervosa auch mit einer vegetarischen Ernährung zu therapieren, solange plausible Gründe für eine vegetarische Ernährung vorliegen. Diese Empfehlung ist tatsächlich relativ neu in den Leitlinien aufgetaucht und war Bestandteil vieler Debatten. Man muss bedenken, dass die stationäre Behandlung einer Anorexia Nervosa immer auch ein Notfall ist, da die Unterversorgung mit Nährstoffen und Elektrolyten zu zahlreichen schweren systemischen Schäden bis hin zum Tod führen kann. Es muss also genau hinterfragt werden, ob die vegetarische Ernährung auf ethischen Bedenken beruht, oder versucht wird, die Aufnahme von fettigen und kalorienreichen Fleischgerichten zu umgehen. Im Klinikalltag hoffen die Patienten oft, bei einer vegetarischen Ernährung nur Salat und Gemüsebeilagen essen zu müssen, um vermeintlich gesünder und kaloriensparender zu essen. Deswegen ist aus therapeutischer Sicht immer genau abzuwägen, ob eine vegetarische Ernährung möglich ist oder nicht.
    Noch schwieriger sieht es bei veganer Ernährung aus. Die Leitlinie verbietet sie zwar nicht explizit, weißt aber darauf hin, dass eine vegane Ernährung nur bei Erwachsenen für sinnvoll erachtet wird und sie deshalb von vornherein nicht für die KJP geeignet sei. Auch hier greift wieder das Argument, das auch schon gegen vegetarische Ernährung gebracht wurde – oft versuchen die Patienten mit einem vorgeschobenen Veganismus, weniger, seltener und „gesünder“ zu essen, als ihre Peers. Vor allem aber bestätigen sich im Klinikalltag die Befürchtungen der Leitlinie, dass Veganer sich noch einmal deutlich mehr mit Ernährung beschäftigen, als sie es mit einer Anorexia Nervosa ohnehin schon würden. Aus diesem Grund wird derzeit eine vegane Ernährung bei der Therapie einer Anorexia Nervosa nicht unterstützt. Aber wer weiß, je mehr sich der Veganismus ausbreitet, desto normaler wird es wohl auch, unter einer veganen Ernährung eine Therapie zu machen. Nichtsdestotrotz muss man anmerken, dass Menschen mit einer Anorexia deutlich häufiger vegetarisch oder vegan leben, als ihre gesunden Peers. Über die Gründe lässt sich streiten.
    Ich hoffe, ich konnte deine Frage ein wenig beantworten.
    Liebe Grüße

    Liken

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