How to: AUSZEIT – C

Lasst uns über etwas sprechen, das eigentlich selbstverständlich sein sollte, aber bei mir erst viel zu spät angekommen ist. Eine Sache, die ich noch nie besonders gut konnte, die ich im letzten Jahr allerdings unbedingt lernen musste: Auszeiten machen.

Ich habe bis zum letzten Oktober sechs Semester studiert, drei Jahre lang. Dann sollte mit dem Herbst auch mein siebtes Semester starten, aber ich musste auf die Pause Taste drücken. Ich habe nämlich auch drei Jahre lang keine richtigen Ferien gehabt und durchgängig gearbeitet. Ich habe neben der Uni quasi immer mindestens einen Job, meistens sogar zwei. Ich habe sehr hohe Ansprüche an mich selbst und kann deswegen auch nicht nur ‚ein bisschen lernen‘. Gleichzeitig kann ich mich auch nicht über gute Noten oder ähnliche Erfolge freuen. Ich stehe immer unter Storm.

In den letzten Jahren hatte ich entsprechend wenig Zeit und Muse, mich mit mir selbst, meinen Problemen, meinen Gefühlen und meiner Vergangenheit auseinander zu setzen. Alles wurde mit dem Gedanken: Mir geht’s nicht schlecht genug für Hilfe. und: Ich habe besseres zu tun. weggeschoben und verdrängt.

Letztes Jahr im Oktober hat mein Körper dann die Notbremse gezogen und mir eine dicke Depression verpasst. Ich hatte Glück und habe genau zu dieser Zeit mit meiner Therapie begonnen und schnell hat mir mir Therapeut zu verstehen gegeben, dass ich jetzt dringend auf mich schauen und aufpassen muss. Ich habe mein Studium unterbrochen und von meinen drei (!!) Jobs zwei gekündigt. Das war für mich die absolute Hölle. Nichts tun. Das hing für mich immer mit sehr negativen Attributen zusammen. Ich habe mich direkt faul und schlecht und unnütz gefühlt und als Last für meine Umgebung. Meine Jobs zu kündigen hat mir unfassbar viel Angst gemacht und ich konnte mir überhaupt nicht vorstellen, ein Semester lang auszusetzen.

Mittlerweile bin ich schon im zweiten Semester meiner Pause, kann das auch endlich akzeptieren und schäme mich nicht mehr dafür.

Es ist unfassbar wichtig, sich Zeit für sich selbst zu nehmen. Wir leben in einer Zeit, in der immer alles höher, schneller, weiter, besser sein soll. Auch wir selbst. Und einerseits finde ich es absolut in Ordnung, sich weiter entwickeln zu wollen, sich Ziele zu setzen und strebsam zu sein. Andererseits sind Körper und Geist einfach nicht darauf ausgelegt, immer durchweg zu arbeiten. Das funktioniert einfach nicht. Oder eben nur bis zu einem bestimmten Punkt. Wer beim Sport Muskeln aufbauen will, sollte auch nicht sieben Tage in der Woche die gleichen Muskelpartien trainieren. Für Muskelaufbau ist Regenerationszeit erforderlich. Genau wie fürs Gehirn, das Herz und die Seele.

Jeder Mensch hat natürlich eine individuelle Belastungsgrenze, aber egal wie lange man nicht auf sich achtet, irgendwann kommen die fehlenden Pausen mit Sicherheit auf einen zurück. In meiner Erfahrung ist es leider auch so, dass der Backlash schlimmer wird, je länger man wartet. Viele psychische und physische Erkrankungen verschlimmern sich häufig immer mehr, wenn man sie nicht ernst nimmt und nicht behandeln lässt. Eine depressive Verstimmung kann so, wie bei mir, zur ausgewachsenen Depression werden. Genauso ist es auch bei Erkältungen, die man sich Woche um Woche verschleppt, weiter zum Sport und auf die Arbeit rennt und schließlich mit einer Lungenentzündung im Krankenhaus liegt. Deswegen schreibe ich euch das hier auch. Ich höre nämlich regelmäßig Dinge von Leuten in meinem Umfeld, die mir Sorgen machen und zu denken geben. Ich arbeite die ganze Zeit nur. Ich muss erst dies oder jenes schaffen, bevor ich mir Zeit für mich nehmen kann. Mir geht’s eigentlich echt nicht gut, aber anderen Leuten geht’s ja viel schlechter. Ich habe keine Zeit für eine Pause, ich muss in Regelstudienzeit fertig werden. Bafög, you know. Ich finde es ja echt cool, dass du eine Therapie machst, aber ich traue mich gar nicht, mir meine Probleme einzugestehen. Ich muss das alleine schaffen. Ich muss das jetzt schaffen. Ich muss das perfekt machen.

Also lasst euch sagen: Es ist ok, Pausen zu machen. Es ist genau genommen sogar mega cool. Ich spüre richtig, wie mein Akku auflädt und freue mich auf den Moment, wenn ich genug regeneriert habe und wieder loslegen kann. Es ist ok, ein Studium zu unterbrechen (oder auch abzubrechen), wenn einem alles zu viel wird. Es ist ok, seinen Freunden für den Abend abzusagen, weil man schon die ganze Woche unter Menschen war oder gearbeitet hat und jetzt einfach mal Zeit für sich selbst braucht. Es ist ok, sich Hilfe zu holen. Glaubt mir, die meisten Menschen denken, dass es ihnen noch nicht schlecht genug für eine Therapie geht. Aber darum geht es überhaupt nicht. Man muss natürlich auch nicht immer eine Therapie machen, ganz klar. Aber wenn ihr eigentlich denkt, eine Therapie könnte euch gut tun und helfen und euch nur der Gedanke abhält, dass andere den Platz viel mehr verdient haben als ihr (again, ich kenne diese Gedanken sehr gut), dann versucht diesen Gedanken so schnell wie möglich zu vertreiben. Sich Hilfe zu holen kann auch bedeuten, mit Familie und Freunden über den Stress zu reden, den man hat. Wenn ihr physisch krank seid, dann macht euch nicht noch mehr fertig, sondern baut euch ein Krankenlager Zuhause, kocht euch einen Tee, macht Netflix an und schwänzt die Uni, sagt auf der Arbeit ab. Es bringt niemandem was, wenn ihr euch totarbeitet und dann (wie ich jetzt) mehrere Wochen, Monate oder sogar ein Jahr aussetzen müsst. Achtet auf eure Bedürfnisse und nehmt euch ernst. Klingt kitschig, ist aber einfach wichtig.


Danke, dass du mein Plädoyer zum. Thema Auszeiten zuende gelesen hast!

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Ich wünsche dir einen super schönen Tag!

Deine Celine

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