Klinikgeflüster #4 – C

Freunde der Sonne, ich bin mit einem neuen Klinikgeflüster zurück!

Nachdem ich im letzten Post vor allem darüber geredet habe, wie sich mein Alltag als Esspatient in der Klinik gestaltet hat, möchte ich heute mit euch über die Menschen sprechen, die ich während meines Aufenthaltes getroffen habe. Und darüber, was ich von diesen gelernt habe.

Als ich euch gefragt habe, was ihr mit dem Wort ‚Psychiatrie‘ verbindet, ist ein Wort nämlich überhaupt nicht gefallen: Freundschaft

Fangen wir bei den beiden Mädchen an, mit denen ich mir ein Zimmer geteilt habe. Jessica und Mara* waren ebenfalls Esspatienten, allerdings beide schon etwas weiter in ihrer Behandlung als ich, beide ebenfalls mit Anorexia Nervosa, Magersucht, diagnostiziert. Mara war bereits zum zweiten Mal auf der Station. Sie hatte nur wenige Monate nach ihrer ersten Entlassung einen Rückfall und musste wieder aufgenommen werden. Das ist tatsächlich gar nicht so ungewöhnlich. Für die wenigsten Menschen, die ich in der Klinik getroffen habe, war das ihr erster Aufenthalt in einer Kinder- und Jugendpsychiatrie. Maras Eltern wohnten nur wenige Minuten zu Fuß von der Klinik entfernt und wir haben sie später oft in unsrem ‚Freigang‘ besucht. Bei Maras Eltern im Wohnzimmer durften wir Let’s Dance auf der Playstation spielen und im Advent Plätzchen essen. Das waren die Momente, die sich für mich mit Abstand am normalsten in der ganzen Klinikzeit angefühlt haben. Mara, Jessica und ich sind Freundinnen geworden. Wir haben uns in den gemeinsamen Therapiestunden viel übereinander, unsere Familien und unsere Probleme erzählt. Wir haben letztlich 24 Stunden jedes Tages miteinander verbracht. Wir haben nicht nur zusammen gegessen und geschlafen. Wir haben uns während unserer Liegezeiten Promizeitschriften vorgelesen, haben zusammen Kraftklub-Lieder gesungen, standen an Wiege-Tagen gemeinsam auf dem Gang und sahen zu, wie die jeweils anderen in den ‚Raum mit der Waage‘ getreten und mit den unterschiedlichsten Gefühlen wieder heraus gekommen sind. Wie haben einander weinen sehen und mussten oft miterleben, wie die anderen mit ihren Familien Karten spielten oder wutentbrannt stritten. Kurz gesagt: Wir waren drei Monate lang sowas wie Schwestern. Mara war die Älteste und in ihrer Behandlung am weitesten voraus, als wir uns kennen lernten. Wir wussten, sie würde höchstwahrscheinlich auch als erstes wieder gehen und als sie das schließlich tat, freuten wir uns zwar für sie und hofften, wir müssten uns an diesem Ort nie mehr wieder sehen, Jessica und ich waren aber dennoch sehr traurig.

In so einer Klinik passiert zwischenmenschlich unfassbar viel. Ich habe dort viel mehr über andere Menschen gelernt, als über mich selbst. Alle Patienten der Station waren in zwei Gruppen aufgeteilt: A und B. In der A-Gruppe waren zu meiner Zeit vorrangig Menschen mit ADHS, Aggressions- und/oder Drogenproblemen. Quasi ‚laute‘ Krankheiten. In der B-Gruppe waren Esspatienten, Patienten mit Angst- und Zwangsstörungen sowie Depressionen und Psychosen. Entsprechend galten wir als die Gruppe mit den ‚leisen‘ Problemen.

Hier habe ich gelernt, ganz genau hinzuschauen, zuzuhören und das Verhalten der anderen bewusst wahrzunehmen und zu respektieren. Hier hatte jeder ganz besondere Grenzen, die das jeweilige Gegenüber beachten musste. Mara, Jessica und ich waren in unserem Freigang zum Beispiel häufig mit Lisa* unterwegs. Lisa hatte neben einer Angststörung, die sie oft nächtelang wach hielt, auch eine Zwangsstörung. Sie wunsch sich ununterbrochen die Hände, sortierte Teller, Besteck und Tassen am Tisch zu jeder Mahlzeit und konnte nur mit einem bestimmten Fuß über Linien am Boden treten. Wenn wir gemeinsam spazieren waren, passierte es oft, dass man sich umsah und Lisa war plötzlich weg. Sie war 50 oder 100 Meter hinter uns zurück geblieben, weil sie es immer wieder nicht schaffte, diese oder jene Steinplatte mit dem richtigen Fuß zu betreten. Ich kann mich an keine einzige Situation erinnern, in der eine von uns darauf genervt reagiert hätte. Wir hatten alle unsere Päckchen zu tragen und versuchten uns gegenseitig dabei nicht noch mehr zur Last zu fallen. Also gingen wir immer wieder zurück, redeten ihr gut zu und meisterten den restlichen Heimweg gemeinsam. Was dem einen schwer fiel, war für den anderen das einfachste von der Welt und als ich so einmal einen Teil eines Gerichtes, das ich zum Mittag bekommen hatte, nicht aufessen konnte, aß Lisa es ganz schnell, als die Betreuerin nicht im Raum war. Ohne das ich sie fragen musste. Sie hatte mir offenbar einfach angesehen, dass es mir schlecht ging.

Tom* war der einzige Junge in unserer Gruppe. Er kam zu uns aus einem sehr berüchtigten Kinderheim in der Umgebung, das einen absurd schrecklichen Ruf hatte. Er wurde uns von den Betreuern mit folgenden Worten vorgestellt: Provoziert Tom nicht und dreht ihm niemals den Rücken zu. Außerdem sagte man uns, er hätte eine Psychose. Wir waren verunsichert, wurden aber nicht weiter darüber informiert, wie wir am besten mit Tom umgehen konnten. Weil er auch nur selten mal ein Wort sagte, hieß es wieder: Beobachten. Wir fanden heraus, was er am liebsten zum Frühstück aß (zwei weiße Brötchen mit Butter und Nudossi, das werde ich offenbar niemals vergessen) und achteten so darauf, dass die Betreuer diese Dinge immer mit auf den Tisch stellten. Außerdem stellte ich fest, dass Tom unruhig wurde, wenn zu viele Dinge gleichzeitig auf ihn einwirken. Besonders Geräusche schien er nicht zu mögen. Er wurde nervös und antwortete nicht einmal mehr auf Fragen, wenn wir am Tisch saßen, Geschirr klimperte, Musik lief und wir uns lautstark unterhielten. Das schien ihm einfach zu viel zu sein, also achteten wir darauf, solche Situationen in Zukunft zu vermeiden. Und natürlich drehten wir Tom auch mal den Rücken zu. 

Und obwohl ich aus dem Zusammenleben mit den Leuten in der Klinik sehr viele positive Sachen für mich mitnehmen konnte, blieben erschreckende Geschichten und Erlebnisse nicht aus. Ich schlief zum Beispiel in einem Zimmer, dass direkt neben der Eingangstür zur Straße hin gelegen war.  Nachts sah ich unzählige Male das Blaulicht der Krankenwagen, was unweigerlich bedeutete, dass am nächsten Morgen wahrscheinlich ein neues Gruppenmitglied am Frühstückstisch sitzen würde. Als Esstpatient vor den meisten anderen aufzustehen und auf dem Boden des Ganges noch Blut zu sehen, dass die Ereignisse der Nacht hervorgebracht haben, lässt einen auf keinen Fall kalt. Das Mädchen, das zum Blut gehörte, saß mir eine Stunde später mit verbundenem Unterarm im Gruppenraum gegenüber und sagte tagelang kein Wort zu niemandem.

Zusammengefasst: Nicht nur, findet man in der Klinik genauso schnell Freunde/eine Peergroup wie in jeder Schulklasse oder bei einem Ferienlager-Aufenthalt, in der Klinik werden psychische Probleme zur normalsten Sache auf der Welt. 

Und wenn ihr mich fragt, ist letzteres auch gut so. Psychische Krankheiten gehören meiner Meinung nach zu unserer Gesellschaft wie jede Grippewelle, wie jedes Augenpaar, das eine dicke Brille braucht, wie Bluthochdruck, Schilddrüsenunterfunktionen, Rheuma, Migräne und so weiter und so fort. 

Danke fürs Lesen! 

Eure Celine

*Ich habe natürlich alle Namen der Personen, über die ich spreche, geändert/anonymisiert.