Geschichten von Brüsten, Scham und Angst – S

Wenn ich nachts allein nach Hause gehe, dann liegt mein Schlüssel schon griffbereit zwischen meinen Fingern. Die 100 Meter zur nächsten Bahnhaltestelle fühlen sich an, als wären es eher Kilometer und eigentlich würde ich diesen Weg am liebsten gar nicht gehen. Auf Partys ziehe ich mittlerweile lieber mehr als weniger an, zeige kaum noch meinen Ausschnitt und trage lieber Oversized, als die Form meines Körpers mit engen Oberteilen noch zu betonen. Spricht mich abends auf der Straße jemand an, schießen mir eintausend Szenarien durch den Kopf und prompt verfalle ich in Fluchtbereitschaft. Aber wie kam es dazu? Das war doch schließlich nicht schon immer so?

(photo by dasfotolim, Instagram: dasfotolim)

Hey Steffi! Du sag mal, wieso ziehst du nicht ein paar engere Oberteile an? Schließlich sieht man so ja gar nicht, dass du Brüste hast. Kannst ruhig mal zeigen, was du zu bieten hast!

Völlig perplex versuche ich herauszufinden, wie ich reagieren sollte. Ich bin vielleicht 14 Jahre alt und noch so unsicher, dass mir dieser Kommentar schließlich wie eine Art Kompliment vorkommt. Immerhin findet jemand meine Brüste so ansehnlich, oder wenigstens nicht hässlich, dass er mir vorschlägt, engere Oberteile zu tragen. Ist doch ein gutes Zeichen, oder? Also beschließe ich noch am frühen Nachmittag, dass enge Oberteile von nun an in meinen Kleiderschrank gehören.

Ich bin mit Freunden auf einer Party. Ich habe mich, ausnahmsweise, im Winter, in ein kurzes Kleid gewagt. Es hat lange Ärmel und ein hohes Dekolleté und darunter habe ich schwarze Strumpfhosen angezogen, dazu noch kniehohe Stiefel. Der Absatz ist niedrig, für meine Verhältnisse dennoch hoch. Eigentlich fühle ich mich gut, mutig und irgendwie wie ein anderer Mensch, was sehr gut tut. Auf der Tanzfläche lachen wir und wippen im Takt, genießen die Klänge in unseren Ohren und die Stimmung des Abends. Was könnte schief gehen?

Dann merke ich an meinem Hintern eine andere Person. Die Tanzfläche ist sehr voll, sicher war das nur ein Versehen. Ich rücke also ein Stück näher zu meinen Freunden. In der nächsten halben Stunde sollte mich diese Person noch oft “zufällig” berühren, an Stellen, an denen ich keine Berührung spüren möchte – schon gar nicht die fremder Leute. Irgendwann wende ich mich hilfesuchend an einen Bekannten, der mir gegenüber in seiner eigenen Welt tanzt. Können wir Plätze tauschen? Ich fühle mich da drüben nicht wohl, ich weiß nicht wer es war, aber die Berührungen wurden zu viel. Wir tauschen also, aber der Abend wird irgendwie nicht mehr das, was er vorher war. Ich fühle mich nicht mehr gut und mutig, sondern irgendwie unpassend angezogen, viel zu aufreizend. Sobald ich wieder in meinem Zimmer bin ziehe ich eine lange Pyjamahose und ein weites T-Shirt an und lege mich schlafen. Dass diese Sachen zu unbequem und einfach zu viel sind und ich daher vermutlich kaum schlafen werde, ist mir egal.

Auf einer anderen Party küsst mich ein Typ, ich finde ihn süß, also ist es okay. Um ehrlich zu sein möchte ich das sogar, es ist aufregend und ich fühle mich begehrt und schön. Offensichtlich mögen wir uns, nicht mehr und nicht weniger, sind uns auch nicht fremd. Wir gehen von dem Gelände herunter, etwas abseits, aber immer noch nicht allzu weit von den anderen Menschen entfernt. Es ist nicht zu privat, nicht zu intim, aber offensichtlich fühlt er sich unbeobachtet.

Irgendwann merke ich, wie seine Hand in meine Hose gleitet. Nicht nur in meine Hose – Fingerspitzen erreichen den Saum meines Slips, ehe ich sie aufhalten kann. Ich fühle mich sofort schuldig, was küsse ich ihn auch? Dann kann er ja schließlich nicht anders, als es falsch zu verstehen. Ich weiche zurück und die ganze Situation, mein ganzes Verhalten ist mir unfassbar peinlich.

Ich schaue mich um und hoffe, dass keiner meiner Freunde, oder Bekannten, mich gesehen hat. Was würden die wohl von mir denken? Und was denkt der Typ jetzt von mir? Ich hoffe, dass sein Urteil nicht allzu schlecht ausfällt. Es tut mir irgendwie leid, dass ich ihm keine eindeutigeren Signale gesendet habe. Dass ich ihm nicht klar gemacht habe, dass ich gar nicht so weit gehen möchte. Es ist meine Schuld.

Ich trage eine lange, hochgeschlossene Jeans und ein T-Shirt und selbst darin fühle ich mich von jetzt an unwohl, so als wäre ich nackt.

Ich stehe an der Haltestelle, ein dicker Schal um meinen Hals und die Mütze auf meinem Kopf halten mich nicht nur warm, sondern schirmen mich auch ab. In meinen Ohren spielen Kopfhörer einen Podcast ab, ich bin ganz versunken in das, was die Person vor dem Mikrofon da erzählt.

Plötzlich rempelt mich jemand an, doch anstatt sich zu entschuldigen drehte er sich um, musterte mich zunächst und brachte ein widerlich schleimiges Grinsen hervor, welches ein honigsüßes “Hey du, wie geht es dir?” ausstößt. Ich habe mich zunächst nur umgedreht, um auf eine potenzielle Entschuldigung ein freundliches “Kein Problem” zu erwidern. Auf diese Reaktion bin ich jedoch nicht vorbereitet.

Ein wenig aus der Fassung (hättet ihr diesen Blick gesehen, der mir zugeworfen wurde, würdet ihr es sicher verstehen) kann ich nichts anderes tun als stur gerade aus zu starren. Mein Gegenüber war kleiner als ich, dennoch fühlt es sich an, als würde er von weit oben auf mich hinab sehen, meinen Körper entlang, bis hin zu meinen Oberschenkeln. Um mich herum steht eine Horde Studenten, die alle zur Uni wollen, was mir vermutlich meinen Allerwertesten rettet. In der Regel laufen solche Situationen nämlich so ab, dass die Person, der ich da den Rücken zudrehe, nachdem ich freundlich aber bestimmt deutlich gemacht habe, nicht an einem Gespräch interessiert zu sein, mich dennoch nicht in Ruhe lässt. Dieses Mal habe ich Glück – nach einigen Sekunden des Nachfragens bin ich wieder allein mit meinen Kopfhörern und der Anspannung, die in mir zurückbleibt.

Ein wütendes “I got it!” fährt durch meine Kehle, hinaus in die warme Sommerluft, welche in der kleinen Gasse nahezu still steht. Der Mann, welcher mir in brüchigem Englisch zu vermitteln versuchte, wie gut er mich oder besser gesagt meinen Körper findet, wird plötzlich still und grinst wie ein verzogenes Kind, welches im Zoo die Tiere so lange in ihren Käfigen provoziert, bis diese wütend in die Gitterstäbe springen, unfähig sich tatsächlich zu wehren. Angewidert drehe ich mich um und gehe weiter, dabei schlägt mein Herz so schnell und so laut, dass ich fürchte, der Klang könnte an den hohen Wänden der Gasse widerhallen. In der Hoffnung, dass ich ihn nicht so sehr verärgert habe, dass er mir folgt, trete ich den Heimweg an und werde erst wieder ruhiger, als meine Wohnungstür ins Schloss fällt.


Sexuelle Belästigung ist keine Einbildung, keine übertriebene Hysterie, nicht geschlechtsgebunden und definitiv NICHT die Schuld des Opfers. Es braucht nicht immer körperlichen Kontakt und nur, weil im Endeffekt nichts “Schlimmes” passiert ist, heißt das nicht, dass es niemals geschehen ist und den oder die TäterIn keine Schuld trifft. Jede sexuelle Belästigung hinterlässt Spuren bei denen, die sie erlebt haben. Diese Spuren äußern sich später in der Angst, abends allein das Haus zu verlassen. In der ständigen Bereitschaft, sich entweder mit Pfefferspray oder nur einem Schlüssel, den man zwischen den Fingern wie eine Stichwaffe bereithält, zu verteidigen. Sie äußern sich in der Bereitschaft, lieber einen Umweg zu gehen, als den Weg einzuschlagen, der zwar kürzer, aber auch dunkler und auswegloser ist. So etwas sollte nicht normal sein. Ist es aber. Und dennoch zählt sexuelle Belästigung zu den Tabuthemen unserer ach so aufgeklärten, modernen und offenen Gesellschaft.

Plumpe Kommentare über den Sexappeal einer Person sind keine Komplimente. Die Reduzierung auf das Geschlecht ist nicht „nett gemeint“, sondern unhöflich und sexistisch. Ich möchte von fremden keine Kommentare zu meinen Brüsten, meinen Kurven oder was auch immer hören. Vorschläge, wie ich meine Vorzüge noch besser zur Geltung bringen könnte sind nichts anderes als unnötig. Nur, weil ich jemanden küsse, gibt es demjenigen nicht das Recht blitzschnell in meine Hose zu fahren, ohne vorher auch nur ein Einverständnis zu erahnen, dazu noch in der Öffentlichkeit. Ich bin diejenige, die sich später fürchtet. Ich bin diejenige, die ein Kleid nicht mehr anzieht, nur weil es offensichtlich zu kurz ist um unbeschadet durch einen Party-Abend zu kommen. Ich bin diejenige, die ihre Oberweite lieber in weiten Oberteilen zu verstecken versucht, um Kommentaren wie „Wow, damit kommst du doch bestimmt überall rein!“ zu entgehen.

Solange wir solch einem Verhalten keine offensichtlichere Missbilligung entgegenbringen, werden die Täter kein Tabu kennen. Sexistische Anmachen sollten keinen Beifall, kein Grölen der Freunde im Hintergrund nach sich ziehen, sondern bestenfalls Buhrufe. Wer sich wehrt sollte am Ende nicht der oder die SpielverderberIn sein, nicht prüde oder langweilig. Wer sich wehrt ist keine „Zicke“ oder „möchte einfach nur Aufmerksamkeit“. Wer sich wehrt sollte gehört und unterstützt werden.

Täter sind nicht nur die, die sexuelle Belästigung ausführen, sondern auch die, die den Raum dafür geben.