Sexuelle Belästigung – Wie ich mit Angst und Frustration umgehe – C

Wie fange ich an zu erzählen, wenn es um ein Thema geht, dass mich nicht nur furchtbar wütend macht, sondern mir häufig sogar Angst einjagt?

Die Antwort ist so einfach wie frustrierend: Eigentlich gar nicht.

Über sexuelle Belästigung rede ich in der Regel fast nie und wenn dann nur an Tagen, an denen mir mal wieder jemand auf dem Weg durch die Stadt irgendetwas Ekeliges hinterher gerufen hat.

Sowas wie: „Ey du siehst echt heiß aus.“ und hinterher dieser schreckliche Pfiff.

Oder: „Hey girl, you’re really sweet. You got that sexy look, that walk, that sexy sexy walk, uh, you’re so sweet, so hot.“

Oder auch sowas wie: „Hey Mädel. Zieh doch mal die Jacke aus, wir wollen was sehen! Es ist schließlich Sommer!“

Wenn ich solche Situationen erlebt habe, kam mir häufig der Gedanke, ich sei selbst auch irgendwie mitverantwortlich, wenn Dinge wie diese passieren. Ich sagte mir immer wieder: Die Menschen waren bestimmt ganz harmlos und wollten mir nur ein Kompliment machen. Und wenn ich eben Kleider trage oder auch mal hohe Schuhe und mich schminke und mir die Haare eindrehe und Parfüm trage (und und und), dann muss ich ja auch irgendwie damit rechnen, dass so etwas passiert.

Mir selbst die Schuld für solche Dinge zu geben, war für mich nämlich häufig einfacher, als die Anderen in die Verantwortung zu ziehen. Das Verhalten der Anderen kann ich schließlich nicht verändern, meins aber schon. Also im Sommer lieber keine zu kurzen Kleider. Lieber keine Absätze, nicht zu viel Lippenstift, lieber den Typen an der Bahn nicht zu lange anschauen, sonst fühlt er sich noch angesprochen. Lieber Bikerjacke, Doc Martens und vorallem Kopfhörer, um die Umwelt möglichst gut ausblenden zu können. Nachts habe ich dann mit der einen Hand in der Jackentasche meinen Taschenalarm umklammert und in der anderen das Pfefferspray und to be safe denke ich nochmal schnell darüber nach, ob ich im Notfall die 110 oder die 112 wählen muss oder ob ich vielleicht doch noch die Nummer meines Mannes zusammen bekomme.

Ja, meine Gedanken gehen in eine ‚extreme‘ Richtung. Oder besser gesagt gingen, denn sie haben mir im vergangenen Jahr so sehr zugesetzt, dass ich sie schließlich regelmäßig mit meinem Therapeuten besprechen musste. Mein Bedürfnis nach Respekt und Sicherheit dehnte sich aus in eine Art Kontrollverhalten und Panik, wenn ich das Gefühl hatte, nicht alles richtig zu machen. Also begann ich darüber in einem Rahmen zu sprechen, der für mich Sicherheit bedeutet: die Therapie.

Dabei hatte ich, dank der Hilfe meines Therapeuten, eine der wohl wichtigsten Erkenntnisse des letzten Jahres:

Das Verhalten Anderer liegt nicht in meiner Hand.

Egal was ich anhabe, wie ich mich bewege, wen ich wie anschaue, welches Make Up ich trage undsoweiterundsofort. All das beeinflusst vielleicht die Gedanken einer anderen Person, steuert aber nicht ihre Handlungen. Jeder Mensch entscheidet sich mehr oder weniger bewusst nach seinen eigenen Werten und Normen, wie er sich verhält und was er sagt. Ich trage in keinerlei Hinsicht Schuld an eben diesen Entscheidungen. (Darauf musste mich aber auch erstmal mein Therapeut bringen. So traurig das auch klingen mag, alleine wäre mir das nicht in den Sinn gekommen.) Im Umkehrschluss ist die Tiefe meines Ausschnittes auch keine Entschuldigung für die Dinge, die jemand zu mir sagt und schon gleich gar nicht für die Handlungen, die mir gegenüber ausgeübt werden.

Diese Erkenntnis hat mich enorm bestärkt und den Kontrollzwang, den ich entwickelt hatte, zumindest zum größten Teil abgeschwächt. Ich kann sowieso nicht sicherstellen, wie sich mein Gegenüber verhält, also muss ich mich auch nicht verstellen.

Nur weil ich mich nicht mehr schlecht fühle, weil ich mich bewusst ’schön‘ anziehe, heißt das natürlich noch lange nicht, dass meine Sorgen ganz weg sind. Allerdings fürchte ich mich viel weniger vor diesen Situationen, weil ich heute weiß, dass ich meinem Gegenüber überlegen bin. Weil ich empathisch bin und respektvoll und weil ich hin und wieder nachdenke, bevor ich den Mund aufmache. Nämlich darüber, wie meine Aussagen bei meinem Gegenüber ankommen könnten, welche Wirkung sie erzielen. Jemand, der mich so belästigt, schüchtert mich heute viel weniger ein als noch vor einem halben Jahr. Ich suche auch keine Entschuldigungen oder Rechtfertigungen mehr für das Verhalten der Anderen. Ich nehme es vorerst als das hin, was es ist. Und allein durch dieses Vorgehen spare ich schon enorm viel Energie, Stress und Selbsthass. Denn erst jetzt, wo ich mit mir im Reinen bin und weiß, dass nichts von Alledem meine Schuld ist, kann ich anfangen darüber zu reden, wie absolut unnötig, falsch, verletzend und alles in allem furchteinflößend diese alltägliche Form der sexuellen Belästigung ist.

In einer Zeit, in der leider noch nicht absehbar ist, wann Respekt allen Menschen gegenüber soweit geht, dass niemand mehr sexuell belästigt wird, möchte ich heute folgenden Appell an euch stellen:

Gebt niemals euch selbst die Schuld, wenn ihr solchen (oder ähnlichen) Situationen ausgesetzt seid! Ihr seid es schlicht und einfach nicht. Punkt aus Ende. Keine Diskussion. Auch nicht mit eurem inneren Kritiker. Behaltet im Kopf, wer welche Entscheidungen getroffen und wer das Wort erfasst hat. Ihr tragt nicht die Verantwortung für die Worte und Handlungen Anderer.

In Gedanken bei euch

Celine

PS: Dieser Post ist ganz bewusst geschlechtsneutral geschrieben worden. Nicht nur Frauen sind Ziel sexueller Belästigung durch Männer. Auch Frauen belästigen Männer und andere Frauen. Auch Männer belästigen Männer.