Mittwoch, 20:00 Uhr – J

Es ist ein ganz normaler Mittwoch. Wie die zwei Tage zuvor habe ich meine Schicht in einer leipziger Wohnstätte für Menschen mit Behinderung abgeschlossen.
Dieser Dienst geht bis 20:00 Uhr abends.
Nachdem ich die letzten Eintragungen aufgeschrieben hatte, die Anwesenheitsliste führte und den PC herunter fuhr, verabschiedete ich mich von meinen Kollegen. „Bis morgen!“ -„Jo, bis morgen!“, ich verließ das Haus und ging zur Haltestelle.

Da ich noch auf meine Bahn, welche direkt zu mir nach Hause fährt, wartete, drehte ich mir noch eine Zigarette, setzte meine Kopfhörer auf und genoß das Gefühl des ‚Feierabends’.
Als meine Bahn 20:07 kam, stieg ich ein und setzte mich auf einen Platz für sechs Leute – quasi 3 auf jeder Seite, genau gegenüber.
Ich stellte meine Musik lauter und dachte daran, was ich heute Abend noch essen werde und wer alles in der WG sein wird. „Vielleicht haben wir ja wieder Besuch …“ – um diese Frage zu beantworten, rief ich meinen Mitbewohner T. an.
Wir telefonierten kurz, tauschten die Planung für den Abend aus und verabschiedeten uns.
Meinen Arbeitsweg hatte ich schon zur Hälfte hinter mir. Es ist 20:14 Uhr.
Ich höre wieder Musik, als sich ein Mann gegenüber zu mir setzt. Auf den anderen Sitzplätzen saßen bereits Menschen. In der Bahn schaue ich mir gern die Fahrgäste an, so waren in dem Abteil eine ältere Dame mit ihrem Einkauf, Erwachsene, die sich unterhielten, eine Frau mit einem Kinderwagen und auf dem Platz hinter mir ein Pärchen.
Mittlerweile ist es 20:17. Aus meinen Augenwinkeln beobachte ich, dass der Mann sich dreht und wendet, als wolle er auffallen. Im nächsten Moment sah ich, wie dieser Mann auf den Boden der Bahn spuckte. Ich konnte nicht anders, als den Mann böse anzuschauen, er gestikuliert, dass ich meine Kopfhörer abnehmen soll – darauf ging ich jedoch nicht ein, ich ignorierte ihn. Plötzlich trat er gegen meinen Schuh, als ich schließlich die Kopfhörer aus meinen Ohren nahm, rotzte er erneut auf den Boden, dieses Mal direkt vor meine Füße. Noch bevor ich etwas sagen konnte, lehnte er sich zu mir und sagte „Das ist das, was ich in deine Pussy mache!“, dabei zeigte er mit beiden Händen auf sein Glied. Mir wurde schlecht, noch nie zuvor habe ich etwas so dermaßen abstoßendes erlebt.
Sofort rief ich meinen Mitbewohner T. an. Ich sprach mit ihm, um dem Typen zu zeigen, dass es jemand mitbekommt – in der Bahn hat niemand etwas unternommen.
Es ist 20:20 als ich an meiner Haltestelle an kam und aus der Situation fliehen konnte.
Als ich ausstieg sprach ich immer noch mit T.
Auf einmal bemerkte ich, dass der Mann ebenfalls die Bahn verließ und während des Aussteigens auf mich zu kam. Als er sich zwischen den anderen Passagieren zu mir durchdrängelte schrie ich nur „Verpiss dich! Geh weg!“. Kein Passant reagierte. Der Mann lachte mich aus und verschwand hinter der Bahn.
Auf dem Weg zu meinem Hauseingang telefonierte ich die ganze Zeit mit meinem Mitbewohner. Die permanente Angst, dass der Mann mir doch gefolgt sein könnte überwog. Ich lief schneller als gewohnt, ich rannte beinahe nach Hause. Nach jeder Laterne drehte ich mich um, vor Angst, er könnte immer noch da sein.
Das Gefühl war unbeschreiblich. Mein ‚Feierabend-Gefühl‘ verschwand, ich war gefangen in Unsicherheit. Als ich 20:23 meine Haustür erreicht hatte, drehte ich mich mehrfach um, um für mich die Gewissheit zubekommen, dass dieser Mann nicht mehr da ist.

Ich müsste lügen, würde ich sagen, mich beschäftigt dieses Ereignis nicht mehr. Mittlerweile ist dies drei Wochen her. An manchen Tagen fühle ich mich immer noch extrem unwohl, zurückversetzt, beobachtet und bilde mir ein, den Mann zu sehen.