Ich kann ja davon ausgehen, dass du für Alles offen bist. – A

Im letzten Jahr sind mir einige Menschen begegnet, die sich viel Rechte heraus genommen haben, die ihnen nicht zustehen. Hierzu kommt eine Geschichte von einem dieser Menschen.

Seit Anfang des Jahres arbeite ich nebenberuflich als Aktmodel. Das heißt ich stehe vor mindestens zehn Leuten im Eva-Kostüm, um mich zeichnen bzw. malen zu lassen. In diesem Kurs gab es einen Mann, den ich sehr attraktiv fand. Das Modellstehen lag mir ziemlich gut, deshalb war ich oft im Kurs und hing auch immer öfter mit den Kunststudierenden ab. Felix (*Name der Person wurde geändert) und ich waren in einer Bar verabredet. Ich empfand es als Date, allerdings haben wir es nicht definiert. Es wurde ein witziger Abend und es floss gut Alkohol. Irgendwann fragte er mich, ob ich schon mal mit jemandem geschlafen habe, der in einer offenen Beziehung ist. „Nein“, antwortete ich, „Wie kommst du darauf mich das zu fragen?“ „Du arbeitest freiwillig als Aktmodel. Ich nehme an, dass du kein Problem mit deinem Körper hast und weißt wie du damit hantieren kannst.“ Ich war in dem Moment sprachlos. Felix: „Ich kann ja davon ausgehen, dass du offen für alles bist, bei deiner Art.“ Das machte mich wütend und traurig. Er ging kurz zum WC, was die perfekte Gelegenheit gewesen wäre aufzustehen und zu gehen, aber mein Körper hat auf diesem Stuhl Wurzeln geschlagen. Meine Ohnmächtigkeit lähmte meine Gedanken und Sprache. Ich schrieb meinem besten Freund, dass er mich anrufen und so tun soll, als ob er dringend meine Hilfe braucht, damit ich aus dieser Situation fliehen kann. Sobald Felix zurück war, rief mein bester Freund an und ich sagte Felix, dass mein bestbuddy Liebeskummer hat und meine Hilfe braucht. Ich habe ihn weiter angelächelt, aber innerlich habe ich mich geekelt. Vor ihm. Vor ihm. Vor der Tatsache, dass er annahm ich sei ein sexuelles Objekt, obwohl ich nur meinen Job gemacht hab. Meine Enttäuschung und die Scham lagen schwer in meinem Magen. Auch Monate danach hab ich nicht mehr gemodelt, obgleich ich es sehr bereichernd fand Akt zu stehen. Wenn ich ihm in der Stadt oder dem Campus von weitem gesehen hab, ist mir ein kalter Schauer über den Rücken gelaufen und ich bin bewusst Umwege gelaufen, damit ich ihn nicht sehen muss. Ich schäme mich immer noch, weil ich ihm nicht gesagt habe, dass es nicht okay ist mich zu sexualisieren, sondern feige weglaufen bin. Mittlerweile arbeite ich wieder als Model und genieße es die Kunstwerke von Künstler*innen zu sehen, die Perspektiven und Details sehen, die ein neues Licht aufwerfen. Trotzdem checke ich vor jedem Kurs ab, ob jemand dabei sein könnte, der mir unsympathisch erscheint. In meinem Kopf ist manchmal immer noch der Gedanke, dass jemand dabei sein könnte, der/die mich sexuell betrachtet und anmacht.

– anonym

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