Grenzüberschreitung – A

Jeder kennt es. Einen plagt die Einsamkeit und man lädt sich einer der vielen Datingapps herunter, um einen Blick in das Haifischbecken der potentiellen Partner*innen, Affären, Freundschaftplus oder gelangweilten Pärchen zu werfen. Nachdem meine Beziehung endete, habe ich mich sexuell „ausgetobt“. Ich wollte Erfahrungen sammeln und da meine Libido größer war, als der Wunsch nach einer/m festen Partner/in, eignete sich die Form von Kontaktaufbau gut.
Im Mai habe ich Paul* kennengelernt. Er fiel ziemlich aus dem Raster in dieser App, weil er mir wesentlich philosophischer und tiefgründiger vorkam, als alle anderen Männer, die ich zu der Zeit traf. Er war charmant, spontan und wusste mit Worten geflissentlich umzugehen. Wir haben uns zu mehreren Dates getroffen und ich hatte nach langer Zeit mal wieder das Gefühl meinem Gegenüber emotionalen Raum geben zu wollen. Es faszinierte mich auf welcher Metaebene wir kommunizieren konnten. Als wir anfingen uns zu treffen, kam er gerade aus dem Krankenhaus und konnte nicht gut laufen. Ich half ihm beim Einkaufen, kochte Essen und verbrachte gern viel Zeit mit ihm. Nach einigen Dates küssten wir uns und machten ein bisschen rum. Ich äußerte zum ersten Mal den Wunsch, dass ich ihn gern besser kennenlernen wollte und kein Bedürfnis nach unverbindlichem Sex hatte.

Was mir erst zu einem späteren Zeitpunkt auffiel, war die Art wie er mir gegenüber auftrat. So gut wie Paul mit Worten umgehen konnte, hatte er auch die Fähigkeit sie verletzend gegen mich zu richten. Mein Essen sei eklig und wo das Fleisch bliebe (ich bin Vegetarier). Als ich für ihn einkaufte, habe ich mich geweigert Fleisch zu kaufen, was ihn sehr wütend machte. Meine Erklärung, dass ich das nicht kaufen werde, weil es gegen meine Prinzipien spricht, spielte keine Rolle. Zudem habe ich seiner Ansicht nach die „falsche“ Milch gekauft. Früher habe ich H-Milch zu mir genommen und da ich seit Jahren nur noch Pflanzenmilch konsumiere, entschied mich dafür. Nach dem Einkauf schrie mich Paul an und nannte mich eine inkompetente Kuh. In meinem rosaroten Gemütszustand konnte ich mir das schön reden. „Er hat nur einen schlechten Tag.“ „Die Schmerzen lassen seine Laune verdunkeln.“ „Sei nachsichtig mit ihm, er macht eine schwere Zeit durch nach der OP.“ „Ich hätte wirklich nachfragen können, welche Milch er sonst trinkt.“ „Woran kann ich arbeiten, damit unsere Kommunikation besser funktioniert?“

Mein Kopf ist sehr gut darin sowas zu verdrängen und sich auf die schönen Sachen zu fokussieren, wenn ich einmal Interesse für jemanden entwickelt habe. Nach wie vor war ich oft beim ihm Zuhause und blieb auch über Nacht. Ein weiteres Mal sprachen wir darüber, dass ich keinen Sex haben möchte, weil ich mir Zeit lassen und wissen möchte, was für ein Mensch er ist.
An dieser Stelle sollte ich erwähnen, dass die kommenden Worte Menschen, die Erfahrungen mit sexuellen Übergriffen oder Missbrauch haben, triggern könnten.
Die letzten Wochen blieb ich oft über Nacht, weil ich mich geborgen fühlte, wenn ich in seinen Armen einschlafen konnte. In einer Nacht wachte ich auf, weil er begann mich intim zu berühren. Am Anfang fand ich Gefallen daran, weil er attraktiv und anziehend auf mich wirkte. Doch ich war unendlich müde und versuchte seine Hände von meinem Körper wegzuschieben. Er verstärkte seinen Griff und drückte meine Hände an meinen Körper. Durch mein Müdigkeit hindurch wurde ich unruhig. Ich spürte sein hartes Glied in meinem Rücken und hörte ihn lustvoll ein- und ausatmen, als er mich eindrang. Alles was ich wollte, war das es aufhörte. Er drückte mich in das Bett und befriedigte sich an mir, bis er kam. Danach schlief er wie ein Baby. Ich lag sehr lange wach bis ich voller Scham einschlief. Am nächsten Morgen hatte ich den Gedanken daran, dass er mich benutzt hatte, weitesgehend verdrängt. Es kam zu einem Streitgespräch, indem er anklagte, dass der Sex mit mir schlecht ist und ich meine Mitmenschen für meine eigenen Fehler verantwortlich mache. Im Streit fielen weitere Anschuldigungen, Vorwürfe und Beleidigungen. Ich bin tränenreich nach Hause gegangen und wir haben uns nie wieder gesehen.
Dass ich sexuell missbraucht worden bin, wurde mir erst im Sommer bewusst. Es gab nicht den Moment in dem ich mir dessen bewusst wurde, sondern es entstand über einen längeren Zeitraum ein Gefühl von Angst im Beisein mit Männern. Unabhängig davon wie nah mir die Person stand. Ich konnte keinen Sex mehr haben, weil ich Flashbacks bekommen habe. Ich habe sehr viel geweint. Es gibt mittlerweile wieder einen Menschen, dem ich körperlich nah kommen möchte, aber ich weine oft und kann es nicht zulassen. Das frustriert mich, aber wir nähern uns langsam und er ist sehr rücksichtsvoll. Es hat einige Wochen gedauert bis ich meinen besten Freunden sagen konnte, was mit mir los ist. Scham, Ekel und Angst waren mein ständiger Begleiter. Nach wie vor vermeide ich dunkle Orte, laufe auf der anderen Straßenseite wenn ein mir ein „unheimlich wirkender“ Mann entgegenkommt oder kleide mich anders, wenn ich feiern gehe. Nach wie vor schäme ich mich dafür, was der Grund dafür ist, dass dies ein anonymer Beitrag ist. Ich hätte ihm sagen und mich wehren können, dass ich nicht von ihm berührt werden wollte, aber ich war schockgefroren. In der Therapie habe ich noch nicht darüber reden können. Aber ich habe mich an ein Frauenzentrum gewandt und dort mit professioneller Hilfe darüber gesprochen, was einen großen Teil meiner Scham genommen hat.

Dies ist kein Beitrag der Menschen dazu animieren soll, sich zu distanzieren, sondern achtsam im Umgang mit jedem Menschen zu sein. Du kennst die ganze Geschichte deines Gegenübers nicht, also versuche Verständnis und Empathie zu zeigen, denn das verbindet euch.

-A

*Namen abgeändert