Über Freundschaft und Schuld – S

Ich bin ein Mensch, der sich viel zu Herzen nimmt. War ich schon immer.

Ich mache mir ständig Gedanken darüber, wie ich alles richtig machen kann – selbst im Umgang mit meinen Freunden. Ich möchte niemandem auf den Schlips treten, möchte so höflich und zuvorkommend sein wie nur irgend möglich und sollte das mal nicht klappen, fressen mich die Schuldgefühle regelrecht auf. Als gute Freundin muss ich ganz still sein, bequem und unproblematisch. Ich muss zuhören statt zu reden, muss immer ganz viel Zeit haben. Ich muss einfach IMMER da sein, immer meine Pflicht erfüllen.

Diese Einstellung hat nicht selten dazu geführt, dass ich jede Kritik angenommen habe, die mir entgegengebracht wurde. Gern habe ich mich damit gebrüstet, äußerst kritikfähig zu sein und habe mir selbst das Ziel gesetzt, ALLES umzusetzen und mich, auf die einzelnen Personen angepasst, zum „Besten“ zu verändern.

Der Druck, der sich dabei aufbaut, ist natürlich enorm. Ich habe gar nicht daran gedacht, auch mal für mich einzustehen. In meinem Kopf war immer ich diejenige, die einen Fehler hat. Diejenige, die besser auf die Bedürfnisse und die Erwartungen, die mein Gegenüber an unsere Freundschaft hatte, hätte eingehen müssen.

Wenn ich genauer darüber nachdenke, dann weiß ich, dass ich tatsächlich diejenige war, die einen Fehler machte. Jedoch lag dieser nicht in meinem Verhalten, sondern in meiner Denkweise.

Warum sollte ich mich Menschen anpassen, nur, damit wir (weiterhin) befreundet sind? Freunde unterstützen sich und haben sich lieb, schauen sich beim wachsen zu und bekräftigen sich gegenseitig – und manchmal wächst man dann eben auseinander. Das hat nichts damit zu tun, dass der eine oder der andere Part böse Absichten hat oder Ähnliches. Der Grund für so etwas ist ganz einfach: Zeit.

Und Zeit ist auch ein wesentlicher Faktor in dem Prozess, den es für mich gebraucht hat, um zu verstehen, dass ich nicht alles hinnehmen muss. Ich habe das Recht Kritik auch mal NICHT anzunehmen. Ich habe das Recht mich zu verhalten, wie ich möchte, solange ich es selbst noch vertreten kann und nicht über die Strenge schlage.

Ich habe – ganz einfach – genug davon, vor sozialen Situationen Angst zu haben. Ich will nicht mehr jedes Treffen nachträglich auseinander nehmen um dann doch einen Moment zu finden, in dem ich mich vielleicht nur zu 98% korrekt verhalten habe. Und ich habe auch keine Lust mehr, mir dann Kritik zu Herzen zu nehmen, die dennoch kommt.

Ganz ehrlich? Ich bin nicht perfekt, aber ich gebe mir Mühe. Ich opfere mich allerdings nicht für soziale Beziehungen auf, denn sie sind nicht die Sonne, um die sich alles dreht. Wir sind doch alle ein bisschen mehr mit uns selbst beschäftigt, als mit anderen und das sollte auch so sein. Zu allererst kommen wir – unsere Ängste und Träume, Wünsche, Verlangen. Das hat nichts mit Egoismus zu tun, sondern damit, dass wir nun mal ungefähr 99,9% der Zeit in unserem Kopf – mit uns selbst verbringen. Und wenn wir uns bewusst werden, dass wir für die Menschen um uns herum nur ein Teil ihrer Welt sind, dann ist alles doch viel weniger tragisch, oder?

Es dreht sich nicht alles um uns. Freunde sind in erster Linie nicht dazu da, Langeweile zu vertreiben oder Wünsche zu erfüllen. Freunde sind kein Mittel zum Zweck. Freunde sind Menschen, die uns vervollständigen, die wir so cool finden, dass wir auf eine gemeinsame Ebene gehen, einen Teil des Weges zusammen bestreiten. Wir haben kein Recht, diese Menschen verändern zu wollen oder ihnen vorzuschreiben, wie viel Zeit sie wofür verplanen sollen, nur weil sie den Status „FreundIn“ haben. Freunde sind, im besten Fall, keine Käfige. Man gibt sich Raum, macht Platz, hält dennoch fest, gibt Halt und einen sicheren Unterschlupf. Man muss natürlich nicht alles hinnehmen, muss auch mal sagen, was einem durch den Kopf geht – schließlich ist man manchmal so gestresst und in Gedanken verloren, dass man vergisst, sich regelmäßig zu melden. Allerdings ist ein „Hey, alles gut bei dir? Vermisse dich, hab dich lieb. Meld dich bei Gelegenheit einfach mal, das würde mich freuen.“ dabei viel angenehmer, als ein vorwurfsvolles „Du hast mich vergessen.“. Hier kommt mir oft eine andere Eigenschaft zu Gute, die mir sonst manchmal aber auch ein Bein stellt: Ich sehe in Menschen gern das Gute, vermute die am wenigsten schlimmen Absichten. So sollte es unter Freunden aber eigentlich auch sein, oder nicht? Wenn man von vornherein davon ausgeht, dass die eigenen Freunde einen mit Absicht vernachlässigen, einen mit Absicht einmal zu wenig anrufen, dann kann das nur in Streit und Tränen enden.

Statt bösem Blut und Vergeltung für lange Funkstillen also einfach mal melden, zeigen, dass man da ist, dass man versteht und zuhört, falls das gewünscht ist. Einfach statt Sturheit Liebe zeigen – das hilft nicht nur dem anderen, sondern auch einem selbst.

photo by Dasfotolim (Instagram: @dasfotolim)

Hier geht deswegen auch ein dickes Dankeschön an all die Menschen raus, die es mir nicht übel nehmen, wenn ich manchmal mehr mit mir selbst beschäftigt bin. Die verstehen, wenn ich absage, weil ich mich nicht nach Gesellschaft fühle und die mir sagen, wie lieb sie mich haben, auch wenn ich gerade mal keine allzu „gute Freundin“ bin. Danke für’s Raum geben, für’s Verstehen, für’s da sein, für’s nicht übelnehmen. Ihr gebt mir damit ganz viel Kraft und Halt und vor allem viel mehr Gelassenheit. Ihr macht es mir möglich, mich auf andere Dinge konzentrieren zu können, ohne Angst zu haben, dass ihr dann gleich weg seid. Danke für all die Sicherheit, ich hab euch lieb.