Neues Jahr, neues Glück? -S

Ich habe manchmal das Gefühl, dass ein neues Kalenderjahr für viele so etwas wie Erlösung bedeutet. Befreiung von alten Lasten, frischen Wind in den Segeln, neuen Elan, Motivation für Wagemut und Tatendrang, Veränderung durch und durch. Ein neues Jahr bricht an und einfach ALLES wird besser, muss es. Oder?

Ich will da ganz ehrlich mit euch sein: Dieses Jahr hab ich mir diese rosarote Brille nicht aufgesetzt, hat mir irgendwie nicht mehr gepasst, hat ein wenig gedrückt an den Schläfen. Hab davon Kopfschmerzen bekommen. Ich habe keine Neujahrsvorsätze, weil mich das einfach tierisch unter Druck setzt. Ich weiß ganz genau, dass die Vorsätze, die ich mir stellen würde, genau die sind, die 89% der Menschheit sich wohlmöglich ebenfalls stellt, weil es jeder macht, weil sie vielleicht auch erwartet oder mehr akzeptiert werden als andere. Abnehmen, Sport machen, Lernen, Lesen, Spaziergänge bei Wind und Wetter machen, jeden Tag mindestens ein Mal das Haus verlassen (ja, das ist als Student nicht immer leicht), alle Kurse in der Uni besuchen, alles pünktlich abgeben, und und und. Mein Gott! Wie ärgerlich es dann immer ist, wenn man irgendwann aus einer Woche Pause gleich ein ganzes halbes Jahr werden lässt und letztendlich das restliche Jahr nichts mehr tut. Für manche Menschen mag das ja funktionieren, dieser äußere Druck, für mich aber nicht. Ich beneide alle Menschen, die mit Neujahrsvorsätzen tatsächlich ihren Ar*** hochgekommen und Berge versetzen können (wenn ihr da draußen seid – send help, gebt mir was ab)!

Noch nicht einmal der Gedanke, dass im nächsten Jahr alles besser wird, catcht mich diesmal. Ich hab keine Ahnung, wie dieses neue Jahr für mich wird. Das kann entweder das beste, oder eben auch das schlimmste Jahr für mich werden. Ich weiß noch nicht wie es nach dem Studium genau weitergeht, alles ist offen, nichts fest, alles irgendwie leer und unfassbar beängstigend. Ich kenne das so nun mal nicht, ich wusste wirklich IMMER, was mich im nächsten Jahr erwarten wird. Selbst nach dem Abi war das so. Jetzt schwebe ich in der Luft und komme einfach nicht mehr auf festen Boden zurück, obwohl sich mein Inneres anfühlt, als hätte ich eintausend Steine verschluckt. Gleichzeitig bläst sich in meiner Brust aber auch ein riesiger Ballon auf, der es fast unmöglich macht zu atmen. Unsicherheit ist ja nichts Neues, aber in der Zukunftsplanung so derart hilflos zu sein?

Ich muss also auch irgendwie sehen, dass ich meine Motivation wiederfinde. Woher nimmt man die denn, wenn man keinen Fixpunkt hat? Kein Land in Sicht? Ich versuche es mir ein wenig so vorzustellen, wie eine dicke Schmutzschicht auf meiner Fensterscheibe. Ich kann absolut nichts sehen, kann nur erahnen, dass sich dahinter zumindest irgendetwas verbirgt. Also arbeite ich mich Stück für Stück, Tag für Tag weiter durch diesen Matsch, bis ich irgendwann wieder klar sehen kann. Wann das sein wird? Weiß ich nicht. Macht mir Angst, aber was soll ich sagen? Ein Gespräch mit Freunden wie Celine und schon fühle ich mich beim Matsch schaufeln nicht mehr so allein. Viele sind vermutlich in einer ähnlichen Situation, Millionen vor mir waren es bereits und sind da jetzt sicher wieder raus, also schaffe ich das auch irgendwie. Muss ja. Solange halte ich mich dann eben an den Dingen fest, die ich habe, die ich fassen kann, die mir zwar meinen Boden unter den Füßen nicht zurückbringen können (das können nur die Zeit selbst und später dann auch ich), mir aber Halt geben, mich greifen und zu sich ziehen, bis ich wieder weiß, wo oben und unten ist.

Die Kontrolle abzugeben muss man manchmal eben erst lernen. Wir können so viele Dinge in unserem Leben kontrollieren, die heutige Zeit erzieht uns dazu, selbst zu denken, zu handeln, zu entscheiden, sodass wir oft arg Probleme damit haben, das dann mal nicht zu tun. Selbst die sozialen Netzwerke werden Stück für Stück so eingestellt, dass wir uns selbst den Content zusammenstellen können, den wir sehen wollen. Die Supermärkte schalten Stück für Stück auf Selbstbedienungskassen um, alles soll uns das Gefühl vermitteln, dass wir das jetzt alleine können und auch können sollten (obwohl wir damit vermutlich in den meisten Belangen getäuscht werden, besonders was Social Media angeht, aber der Gedanke zählt ja bekanntlich). ABER: Was wir wirklich können sollten und erst wieder lernen müssen, zumindest geht das mir so, ist es, die Zügel auch mal aus der Hand zu geben. Es gibt Dinge auf dieser Welt, die einfach so viel mehr Macht besitzen, als wir. Die Zeit zum Beispiel. Nichts da mit „Wer hat an der Uhr gedreht?“. Nein, das kann keiner, die Zeit läuft weiter und 99% der Dinge, die währenddessen passieren und nicht unter unser eigenes Verhalten fallen, können wir nicht beeinflussen. Das zu schreiben fühlt sich jetzt ungefähr so an wie der Moment, als mir jemand sagen musste (oder ich es vielleicht auch selbst gemerkt habe, keine Ahnung ehrlich gesagt), dass es gar keinen Weihnachtsmann gibt und dass der Mann, der da immer mit weißem Bart zu unserer Tür reingekommen ist, einfach nur der Nachbar war.

Für mich ist es also kein Neuanfang, den dieses Jahr für mich symbolisiert, sondern einfach ein Jahr, einfach Zeit, genau wie die davor und die danach. Damit gebe ich mich erstmal zufrieden, gezwungenermaßen, und nehme einen Tag nach dem anderen. Selbst auf die Gefahr hin, dass ich jetzt wie der Neujahrs-Grinch klinge.

– Eure Steffi

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s