Mit 23 ist das Alles noch nicht so wichtig. – C

55.000 Frauen erkranken jährlich an Brustkrebs.
Dabei gibt es die Fälle, bei denen innerhalb einer Familie nur eine Frau oder wenige Frauen an Brustkrebs erkranken.
In anderen Fällen tritt der Brustkrebs innerhalb einer Familie gehäuft und in jüngerem Alter auf, teilweise sogar in Verbindung mit Eierstockkrebs oder mit Brustkrebsdiagnosen bei Männern (ja, auch Männer können Brustkrebs bekommen).
Wenn ein entsprechender Verdacht besteht, kann ein Gentest untersuchen, ob es bei den Erkrankten eine erblich bedingte Veranlagung zum Brustkrebs gibt. Sollte dies der Fall sein, handelt es sich um sogenannten genetischen Brustkrebs und die Familien, die diese Veranlagung in sich tragen, werden als Hochrisikofamilien bezeichnet.

Ich gehöre so einer Hochrisikofamilie an.

Die Ursache für die Entstehung von Krebs sind Genveränderungen. In 10 bis 20 Prozent aller Krebs- und Eierstockkrebsfälle werden die Veranlagungen zur Erkrankung vererbt. Dabei sind in den allerhäufigsten Fällen die Gene BRCA1 und BRCA2 betroffen. Diese Bezeichnung stammt aus dem Englischen und steht für BReast CAncer. Also handelt es sich sozusagen um die Brustkrebs-Gene. Über diese Gene wird nicht nur das erhöhte Risiko vererbt, an Brustkrebs sondern auch an Eierstockkrebs zu erkranken. Diese Gene trägt jeder in sich, aber bei manchen Menschen tritt einer Genmutation auf. Trägt jemand ein, von so einer Veränderung betroffenes Gen in sich, vererbt er es mit einer Wahrscheinlichkeit von 50 Prozent an seine/ihre Kinder weiter. Dabei ist es komplett egal ob der Mann oder die Frau die Genmutation besitzen und es ist auch irrelevant mit welchem Geschlecht das Kind auf die Welt kommt.

Eine Frau, die das veränderte BRCA1 Gen in sich trägt, erkrankt im Laufe ihres Lebens mit einer Wahrscheinlichkeit von 60 bis 80 Prozent an Brustkrebs.
Eine Frau, die das veränderte BRCA2 Gen trägt, mit 45 bis 80 Prozent.
Im Vergleich: Eine Frau, die das nicht-veränderte Gen trägt, erkrankt im Laufe ihres Lebens mit einer Wahrscheinlichkeit von 8 bis 10 Prozent an Brustrebs.
Auch die Wahrscheinlichkeit einer Zweiterkrankung der bis dahin gesunden Brust ist bei Frauen mit Genveränderung 5 bis 10 mal höher als bei solchen, die an sporadischem Brustkrebs erkrankt sind.

Ebenso wie meine Mutter, meine Tante, meine Cousine und deren Tochter, trage ich die BRCA2 – Genmutation in mir. Vor ziemlich genau einem Jahr habe ich die Entscheidung getroffen, mich auf die Mutation testen zu lassen. Weil meine Cousine perfekte Vorarbeit geleistet hat (Habt ihr schon einmal versucht einen Stammbaum eurer Familie zu erstellen, der noch über eure Omas/Opas hinaus geht? Zumal allein meine eine Oma bereits sechs Kinder hat.), musste ich eigentlich nur ein paar Fragen beantworten, einige Papiere unterschreiben und ein paar Röhren Blut abgeben.

Drei Monate später dann der Anruf von der Klinik: “ Wir haben ihre Ergebnisse, möchten Sie diese noch immer wissen?“ – „Ja.“- „Dann schaue ich mal eben wann Frau Doktor K. [Oberärztin und Leiterin der Klinik] Zeit hat.“
Puh. Die Oberärztin kommt wahrscheinlich nicht, wenn man mir nur sagen würde, dass bei mir alles gut ist, oder?
Ich fahre mit meinem Freund in die Klinik, setze mich mit drei Ärzten und einer Praktikantin an einen großen Runden Tisch und werde über die rechtlichen Konsequenzen belehrt, die eintreten könnten, wenn ich mir jetzt gleich das Ergebnis verkünden lasse.
Die Oberärztin fragt noch einmal nach, ob ich mein Ergebnis wirklich erfahren will. – Ja.
„Frau H., es tut mir wirklich leid, Ihnen mitteilen zu müssen, dass Sie Trägerin einer BRCA2 – Mutation sind.“
Ich habe zu 99 Prozent damit gerechnet. Wirklich. Obwohl das Ergebnis einem Münzwurf gleicht, bilde ich mir ein, es gespürt zu haben.
Aber das eine, kleine, unsichere Prozent war sehr unzufrieden mit der Gesamtsituation.
„Ok.“
Dann hat Frau Doktor K. angefangen mir zu erzählen, wie es jetzt weitergehen kann. Ich kann mich gar nicht mehr erinnern, ob ich danach gefragt habe oder sie einfach losgelegt hat. Aber in der Zusammenfassung sagte sie ungefähr Folgendes:
– Ich soll direkt die Pille absetzen. – Wollte ich sowieso.
– Will ich schon Kinder? – Jetzt? – Ich sollte am besten so zeitnah wie möglich meine Familienplanung abschließen. – Wie bitte?
– Ab einem Alter von 25 Jahren bezahlt mir meine Krankenkasse eine Brustamputation/-rekonstruktion sowie eine Entfernung der Eierstöcke.
– Mit einer solchen Präventivmaßnahme senke ich mein Risiko von ca. 60 bis 70 Prozent auf nahezu 0 Prozent in meinem Leben an Brustkrebs zu erkranken. – Das klingt doch erstmal gut.
– Ich bin jetzt in einem Früherkennungsprogramm der Klinik und darf ab einem Alter von 25 Jahren zu jährlichen Untersuchungen kommen, die meine Krankenkasse in der Häufigkeit nicht tragen würde. – Das klingt auch gut.
Am Ende betont Frau Doktor K. noch einmal, wie sehr sie mir eine Amputation ans Herz legen würde.

Mein Freund und ich fahren nach Hause und machen den gesamten Weg über Witze. Endlich große Brüste, die nie hängen werden. Jetzt brauche ich mir endlich keinen Grund mehr aus den Fingern zu saugen, warum ich keine Kinder will. Ist doch perfekt, jetzt habe ich neben den psychischen Sachen endlich ein „richtiges“ Problem. Nochmal: Endlich große Brüste. Einmal D, bitte.

Zuhause angekommen, kommen dann die Tränen. Nicht weil ich vielleicht diese Krankheit bekommen könnte. Nicht weil ich Angst habe zu Sterben. Brustkrebs ist schließlich in den meisten Fällen gut behandelbar. Und ich bin sogar privilegiert und habe eine tolle neue Vorsorge. Außerdem sind in meiner Familie bisher alle Behandlungen gut gelaufen. Immer gute Prognosen. Alle leben und sind krasse Kämpfer.
Aber warum dann? – In dem Moment habe ich nur Überforderung gespürt. Überforderung und Trotz. Es reicht mir. Ich brauche nicht noch mehr Probleme. Irgendwann ist auch einmal Schluss. Die Grenze ist erreicht.

Heute, ein Jahr später, weiß ich mehr über mich und meine Gefühle. Heute bin ich zwar nicht mehr überfordert, aber trotzdem noch genervt. Ich denke einerseits, dass ich wahrscheinlich keine Kinder möchte und andererseits bin ich unglücklich darüber, dass mir meine Entscheidung jetzt plötzlich viel schwerer „gemacht wird“. Jetzt fühle ich mich zeitlich unter Druck gesetzt, meine Entscheidung möglichst vor 30 getroffen (und umgesetzt) zu haben. Plötzlich habe ich die Verantwortung auf meinen Schultern liegen, einem eventuellen Kind eine Veranlagung für eine immer noch super ätzende Krankheit zu vererben (egal wie ‚gut‘ sie sich behandeln lässt). Will ich das? Kann ich das für mich verantworten? Fühlt sich das für mich richtig an? Lasse ich mir mit 25 tatsächlich die Brüste abnehmen und rekonstruieren? Will ich den Krebs lieber auf mich zukommen lassen und mit doch ziemlich hoher Wahrscheinlichkeit eine Behandlung durchmachen, die ich bereits bei meiner Mutter aus erster Nähe miterleben musste? Will ich mir „nur“ die Brüste entfernen lassen und die Eierstöcke bleiben drin? Mein Risiko für Eierstockkrebs liegt laut Frau Doktor K. jetzt allerdings auch bei ca. 20 Prozent (im Vergleich bei Frauen ohne Mutation bei etwa 1,5 Prozent) und kann viel schlechter/später erkannt und behandelt werden.
Fragen über Fragen in meinem Kopf, die alles viel schwerer machen, als ich mir das vor dem Test so vorgestellt habe.
Versteht mich nicht falsch, ich bin da ziemlich taff. Aber genervt-taff. Muss-das-jetzt-wirklich-sein-taff. Und ich fühle mich auch irgendwie allein. Die Dinge, über die ich mir jetzt Gedanken mache, sind für meine Mutter, meine Tante und meine Cousine bereits irrelevant.
Aber vielleicht ist ja irgendjemand da draußen in einer ähnlichen Situation wie ich (sicherlich). Und vielleicht ließt du das jetzt und denkst dir: Mensch, ich bin ja doch nicht so allein.
Und für alle anderen, die das jetzt gelesen haben: fühlt euch ein bisschen aufgeklärter. Ich bekomme immer wieder mit, dass sich Menschen unwohl fühlen, über das Thema Brustkrebs/Eierstockkrebs zu reden. Weil es um Brüste geht? Weil es ein „Frauenproblem“ ist? Wie gesagt, fast jede 10. Frau erkrankt in ihrem Leben. Das geht uns also alle etwas an. Es geht nämlich um unsere Mütter, Schwestern, Tanten, Cousinen, Freundinnen, Kolleginnen und Vorbilder. Und eben in einigen Fällen sogar um Väter, Brüder, Onkel, Counsins, Freunde und Kollegen.

Mit allerliebsten „Breast-Cancer-Awareness“-Grüßen
Celine


Quelle: https://www.brca-netzwerk.de/familiaere-krebserkrankungen/