Klinikgeflüster 0 – C

Wie fing meine Essstörung an? Gab es einen konkreten Auslöser? Wollte ich „einfach nur“ dünn sein? Wie habe ich mein Problem erkannt?

In meinem ersten Klinikgeflüster-Post habe ich begonnen über die Zeit zu sprechen, in der bereits feststand, dass ich aufgrund meiner Essstörung in eine Klinik eingewiesen werden soll. Allerdings gehört einiges dazu, ehe man an eben diesem Punkt ankommt. Heute möchte ich euch von dieser Vorgeschichte erzählen.

„Ich fühlte mich stärker als alle um mich herum und als wären mein Verzicht und meine Disziplin eine Superkraft.“

1. Vorgeschichte/Trauma
Also erstmal: Der Wunsch danach, dünn zu sein, war nicht der Auslöser für meine Magersucht. Aber er war so eine Art Werkzeug dafür, mit meinen Problemen und Gefühlen umzugehen. Ich habe also nicht eines Abends eine Modelshow im Fernsehen gesehen und aufgehört zu essen. Die Frage nach dem Auslöser ist eine wichtige, denn in meiner Behandlung wurde parallel an den Symptomen der Essstörung und eben ihren Ursachen/Auslösern gearbeitet.

Im Juli 2012 ist ein sehr sehr guter Freund von mir gestorben. Mit diesem Freund bin ich zusammen aufgewachsen. Ich habe zwei „richtige“ große Brüder und er hat sich in meinem Herzen als eine Art dritter großer Bruder eingespeichert. Wenn ich gefragt werde, sage ich auch manchmal gleich, dass mein Bruder gestorben ist, weil es sich genauso angefühlt hat und weil mir dann die restliche Erklärerei erspart geblieben ist. Wir haben kurz vor seinem Tod nicht mehr in einer Stadt gewohnt, aber beinahe jeden Tag miteinander geschrieben. Unser letztes Gespräch fand ungefähr so statt:

Ich: Hi na! Wie geht’s dir? Was geht bei dir ab? Wie war deine Woche?
Er: Hey du, ich komme Ende der Woche nach Hause, lass uns dann in Ruhe über alles reden! (:
Ich: Okidoki. Bis dann!

Auf dem Heimweg hatte er einen Motorradunfall und ist sofort gestorben.

Als meine Eltern mir diese Nachricht überbracht haben, standen wir gemeinsam in der Küche und ich kann mich nur noch daran erinnern, dass ich gar nicht verstehen konnte, was meine Mutter mir gerade gesagt hatte. Ich habe in den nächsten Wochen sehr viel geweint und nachgedacht. Und der Gedanke, an den ich mich noch heute am besten erinnern kann, war:
„Warum kann ich all die unwichtigen Kleinigkeiten um mich herum kontrollieren, aber nicht die Dinge, die WIRKLICH zählen? Die, die WIRKLICH wichtig sind?“

Mich überfiel das Bedürfnis, die Welt retten zu müssen. Ich wollte ihren Schmerz fühlen und dann alles tun, um ihre Probleme zu lösen und ihre Wunden zu heilen. Also bin ich Veganerin geworden und habe mich täglich intensiv mit Tierrechten und alternativer Ernährung auseinander gesetzt. Und ich habe jedem Menschen, der mich gefragt hat (oder auch nicht), davon erzählt, warum ich mein Leben gerade umstelle. Ich fing an mich einzuschränken. Damals gab es noch nicht in jedem Supermarkt vegane Süßigkeiten und Fastfood-Alternativen, manchmal gab es nicht einmal Soja-Milch . Ich fing also an, mich viel kalorienärmer zu ernähren als früher und nahm automatisch ein kleines bisschen ab.

2. Ich habe kein Problem:
Es fühlte sich für mich enorm gut an, dass ständig jemand zu mir sagte:
„Oh man. Vegan sein, das könnte ich auf keinen Fall.“
Ich fühlte mich stärker als alle um mich herum und als wären mein Verzicht und meine Disziplin eine Superkraft. Irgendwann fing es mir an zu gefallen, dass ich meinen Körper so sehr unter Kontrolle hatte, dass ich ihn unter anderem zum Abnehmen bringen konnte und mir gefielen auch die Mädchen bei Tumblr mit Streichholz-Beinen und oversized-Pullis.
Ich begann, unter meinem eigenen Verhalten zu leiden, widerstand aber allen möglichen Versuchungen und jedes „Nein“ zu einer Süßigkeit, Kartoffeln, Brot (usw.) gab mir zu Beginn der Essstörung ein Gefühl von Kontrolle und Macht. Und ich dachte: Ich kann vielleicht nicht die wichtigsten Dinge im meinem Leben kontrollieren, aber ich kann trotzdem mehr kontrollieren, als die meisten Personen, die ich kannte.

Mit meinen Eltern habe ich zu Beginn der Essstörung nicht mehr gemeinsam gekocht, weil die oft keine veganen Gerichte essen wollten, geschweige denn kochen konnten. Also hatte ich auch eine Ausrede dafür, mich um mein eigenes Essen kümmern zu können. Im Wohnzimmer hatten wir einen Hometrainer und nach der Schule war ich oft einige Stunden alleine daheim, bevor meine Eltern nach Hause kamen. Also habe ich angefangen morgens nicht mehr zu frühstücken („Mach ich in der Schule, Mama.“) und nach der Schule habe ich dann Sport gemacht. Abends habe ich meine Familie überredet, Salat oder Suppe zu essen. So hatte ich schon ziemlich zackig nur noch eine „richtige“ Mahlzeit am Tag. Morgens habe ich mich im Bad gewogen.
Jeden Tag schrieb ich meinem verstorbenen Bruder endlos lange Facebook-Nachrichten voller Stolz, Zweifel, Angst, Kalorienrechnungen und Gewichtsangaben.

3. Ok, vielleicht habe ich ein Problem…:
Innerhalb von dreieinhalb Monaten nahm ich 10kg ab. Ich begann zu frieren, egal wie dick ich angezogen war. Ich verbrannte mir mit zu heißen Wärmflaschen den Bauch und die Oberschenkel so sehr, dass ich noch ein Jahr später Narben zu sehen waren. Ich konnte mich nicht mehr auf die Schule konzentrieren, dachte eigentlich pausenlos nur darüber nach, wie ich das nächste Essen vermeiden und am besten heimlich noch mehr Sport machen könnte. Ich rechnete mir jeden Morgen meinen BMI neu aus und sagte mir immer wieder:
„Noch ein Kilo… noch ein Kilo… nur noch ein Kilo… nicht mehr lange… nur noch ein bisschen.“
Gleichzeitig schrieb ich meinem Bruder bei Facebook:
„Ich könnte jetzt auch damit aufhören, wenn ich wöllte. Das wäre kein Problem. Ich habe kein richtiges Problem.“
Irgendwann übernachtete meine beste Freundin bei mir und als ich am nächsten Morgen aus dem Bett aufstand, um mir einen Bademantel aus dem Schrank zu holen, fiel ich um. Ich stand vor dem Schrank, alles wurde schwarz und dann stand ich nicht mehr. Ich wurde auf dem Boden wieder wach und fühlte mich zittern. Ich dachte das erste Mal seit Monaten:
„Ich muss vielleicht etwas frühstücken.“

4. Kontrollverlust
Nachdem ich das erste Mal in Ohnmacht gefallen war, bekam ich langsam Angst. Ich versuchte wieder mehr zu essen und weniger Sport zu machen, doch es fühlte sich an, als hätte ich vollkommen vergessen, wie das funktioniert. Alles in mir sträubte sich alles gegen jegliches „Lebensmittel“ (im wahrsten Sinne des Wortes) und wenn ich doch einmal mehr aß als geplant war, plagte mich das schlechte Gewissen die ganze Nacht. Obwohl ich eigentlich wollte, dass es mir besser geht, merkte ich, dass ich mein Verhalten nicht mehr unter Kontrolle hatte. Tagsüber ging es mir jetzt noch schlechter, weil ich meine Energie nicht mehr nur ins ‚Nicht-Essen‘ stecken konnte, sondern auch noch die ganze Zeit versuchte gegen meine destruktiven Verhaltensmuster anzukämpfen. Nachts konnte ich immer schlechter schlafen, weil unter starken Magenkrämpfen litt. Selbst Trinken viel mir langsam immer schwerer, weil ich mir nicht mehr sicher war, ob Wasser und Tee wirklich keine Kalorien hatten. Wenn meine Mutter kochte, konnte ich die Küche nicht mehr betreten, weil ich Angst hatte, dass ich von den Gerüchen Kalorien inhalieren könnte. In irgendeiner Nacht erzählte ich schließlich meiner besten Freundin von all den Gedanken, die mich plagten und ein paar Abende später auch meiner Mutter.

5. Ich hole mir Hilfe und beginne gegen mein Problem zu kämpfen:

Meine Mutter hat es tatsächlich geschafft mir relativ schnell einen Termin bei einer Therapeutin zu beschaffen. Das war mehr oder weniger Zufall. Mein erster Besuch bei der Therapeutin war für mich einfach nur eigenartig. Ich bekam viele Fragebögen, die ich ausfüllen sollte und musste unheimlich viele Fragen beantworten, die mir enorm unangenehm waren. Was ich esse und wann und wie viel. Ob ich Sport mache und wann und wie viel. Ob ich mich übergebe. Ob ich mich selbst verletze. Ob ich schon einmal bewusst daran gedacht habe, Selbstmord zu begehen. Und ich sollte mich zeichnen. Ich sollte schematisch darstellen, was ich glaube, wie ich aussehe. Ich bekam einen Essensplan mit, auf dem ich eintragen sollte, wann ich was esse und wie ich mich damit fühle. Und ich durfte wiederkommen. Nach drei Sitzungen hat meine Therapeutin mir gesagt, dass sie nicht mehr verantworten kann, mich ambulant zu behandeln. Das bedeutete im Umkehrschluss, dass sie mich in eine stationäre Behandlung überweisen wollte. Ich wollte auf keinen Fall in eine Klinik, denn ich hatte Angst, dass ich mein 10. Schuljahr durch den Aufenthalt wiederholen müsste und dass ich dadurch nicht in meiner Klasse bleiben könnte. Ich wollte meine Freund*innen nicht zurücklassen. Und noch viel weniger wollte ich von meinen Freund*innen zurückgelassen werden. Meine Therapeutin sagte mir, ich müsse nur für drei oder vier Wochen in der Klinik bleiben. Von da an durfte ich nicht mehr in die Schule gehen, lag jeden Tag zu Hause auf dem Sofa, schaute mir Foodblogs und Kochshows an, trank Wasser und aß quasi nichts. Obwohl ich genau wusste, dass mich dieser Umgang mit dem Essen nicht vom Klinikbesuch abhalten können würde, sondern die Situation nur verschlimmerte, konnte ich nicht anders.
Ich sah meine Eltern unter der Situation leiden beschloss schließlich, meiner Mutter zuliebe der Klinik zuzustimmen. Damals konnte ich diese Entscheidung nicht für mich treffen, bin aber heute unheimlich froh, dass ich sie für meine Familie getroffen habe.


Wenn ihr Gedanken und/oder Gefühle zu meinen Beiträgen habt, freue ich mich immer riesig über Kommentare hier oder auf unserem Instagram-Account @twicetheblog. Gerne könnt ihr mir persönlich über den Account @celinehandschuh oder uns beiden an den Blog-Account auch direkt-Nachrichten senden.


Für Informationen rund um Essstörungen kann ich euch folgende Adresse empfehlen: https://www.bzga-essstoerungen.de/
Hier findet ihr auch eine Übersicht zu Beratungsstellen in eurer Nähe.


Ich sende euch ganz viel Kraft und Liebe!
Celine

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